Was ist gut fürs „Super-Food“?

Ganz unterschiedlich wachsen die Quinoa-Pflanzen, die Projektleiterin Dr. Nazgol Emrani (v.li.), LTA Monika Bruisch, Doktorand Dilan Sarange mit ihrem Team nahe dem Botanischen Garten in Kiel angepflanzt haben. Foto: kst

Kieler Wissenschaftler erforschen die Eignung von Quinoa für unser Klima

Kiel. Rötlich, gelblich, grün, braun, groß, klein, kompakt oder verzweigt: Die Spannbreite im Aussehen der 7000 Quinoa-Pflanzen auf dem kleinen Versuchsfeld nahe dem Botanischen Garten in Kiel ist groß. Die Pflanzen wachsen in ordentlichen Reihen, und jede einzelne ist mit einem weißen Schildchen genau gekennzeichnet. Das Versuchsfeld gehört zum Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), das Prof. Christian Jung leitet. Als „Super-Food“ machen die kleinen Samenkörner der aus Südamerika stammenden Quinoa-Pflanze derzeit auch in Deutschland Karriere. Das Feld ist Teil eines Forschungsprojekts, das zwischen 2017 und 2020 herausfinden will, unter welchen genetischen Voraussetzungen Quinoa-Pflanzen unter hiesigen Bedingungen am besten wachsen und Ertrag bringen können.

Es gibt hierzulande Diskussionen darüber, ob es überhaupt notwendig sei, einer Pflanze aus Südamerika so viel Aufmerksamkeit zu widmen, obwohl zum Beispiel die heimische alte Getreideart Hirse ganz ähnliche Eigenschaften habe. Trotzdem steht aktuell das so genannte „Pseudo-Getreide“ Quinoa, das mit Spinat verwandt ist, im Fokus eines Interesses, das sogar weit über Deutschland hinaus reicht. Die Kieler Forschergruppe arbeitet zusammen mit weiteren Gruppen in China, den USA, Australien und Saudi-Arabien. Überall wollen die Forscher wissen, wie man Quinoa am besten dazu bringt, unter den jeweiligen klimatischen Bedingungen zu gedeihen.

„Im Grunde geschieht mit Quinoa bei uns jetzt genau das, was vorher mit Mais und davor mit der Kartoffel geschehen ist, die beide auch aus Südamerika eingeführt wurden“, sagt Dr. Nazgol Emrani, Projektleiterin des Kieler Forschungsvorhabens. Auch Mais und Kartoffel mussten durch Züchtungsversuche an die Klimabedingungen in Europa angepasst werden – nur dass die Forscher heute ganz andere Mittel als damals zur Verfügung haben. So ist es inzwischen gelungen, das Genom der Quinoa-Pflanze zu entschlüsseln, also quasi eine Karte aller Gene von Quinoa aufzustellen. Damit wird es möglich, durch weitere Forschung einzelnen Genen bestimmte Funktionen zuzuweisen, die zum Beispiel für den Blühzeitpunkt von Bedeutung sind.

Auf dem Versuchsfeld wachsen 350 Gruppen von Quinoa-Pflanzen, die aus zehn verschiedenen Ländern stammen. Jede Gruppe unterscheidet sich auf genetischer Ebene ein bisschen von den anderen, obwohl alle Versuchspflanzen zur selben Art Chenopodium quinoa gehören. Wie unterschiedlich sich diese 350 „Genotypen“ im Verlauf einer schleswig-holsteinischen Wachstumsperiode bis zur Ernte Ende September entwickeln, dokumentieren die Forscher über zwei Wachstumsperioden ganz genau.

Die Kombination aller Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt kann später die Grundlage für eine sehr gezielte Züchtung von Quinoa-Sorten sein, die mit unseren relativ langen Sommertagen und der relativ kurzen Vegetationsperiode so gut zurechtkommen, dass sie rechtzeitig blühen und ihre Körner möglichst zahlreich zur Ernte fertig ausgebildet sind. Auch die Wachstumsform ist interessant: Eine etwas kleinere Pflanze mit kompaktem Blütenstand ist für die maschinelle Ernte möglicherweise besser geeignet als eine drei Meter hohe, reich verzweigte Pflanze.

Einen ersten Versuch mit maschinellem Quinoa-Anbau unternehmen die Kieler Forscher parallel auf einer landwirtschaftlichen Versuchsfläche der CAU. Dort wachsen Pflanzen von Quinoa-Genotypen, die nach der ersten Test-Saison auf der Versuchsfläche am Botanischen Garten erfolgversprechend waren. Ende September, Anfang Oktober dieses Jahres wollen die Kieler Forscher ausprobieren, ob sich eine Quinoa-Ernte auch mit hierzulande üblichen Raps-Erntemaschinen einbringen lässt. kst