Selbstbestimmtes Sterben mit Behinderung

Zehn Mitarbeitenden der Ottendorfer Werk- und Betreuungsstätten konnte Jessyka Naase-Begier (li.) Teilnahmebescheinigungen überreichen. Foto: kstZehn Mitarbeitenden der Ottendorfer Werk- und Betreuungsstätten konnte Jessyka Naase-Begier (li.) Teilnahmebescheinigungen überreichen.

Erster Schritt der Hospiz-Initiative und WuB Ottendorf

Kiel. Dass eine ganze Einrichtung der Behindertenhilfe ein verbindliches Konzept entwickelt, um im gesamten Team eine Kultur für den Umgang mit Themen wie „selbstbestimmtes Sterben“ oder „Trauerbegleitung“ zu etablieren, ist für Schleswig-Holstein neu. Gemeinsam mit der Hospiz-Initiative Kiel will die Werk- und Betreuungsstätte Ottendorf (WuB) als erste Einrichtung dieser Art in Schleswig-Holstein diesen Schritt machen. Im Rahmen des Pilotprojekts „Sterben und Trauer gemeinsam erleben – Palliative Care und Trauerbegleitung in der Behindertenhilfe“ haben jetzt zehn Mitarbeitende der WuB dafür eine 40-stündige Grundlagenschulung bei der Hospiz-Initiative Kiel absolviert. Vor wenigen Tagen konnte Projektleiterin Jessyka Naase-Begier die Teilnahmebescheinigungen überreichen.
Menschen mit geistiger Behinderung leben oft Jahrzehnte lang in einer Wohnstätte. Ihre Betreuer werden zu wichtigen Bezugspersonen, die ihre Schützlinge zum Teil eben auch im Sterben mit begleiten. Der demografische Wandel bringt es mit sich, dass dieses Thema an Bedeutung gewinnt. Dazu kommt, dass eine Behinderung sich auch auf die individuelle Sterbephase auswirkt. Zum Beispiel kann es sein, dass sich eine Person wegen ihrer Behinderung nur schwer der Umwelt mitteilen kann. Den vertrauten Betreuenden fällt dann oft die Aufgabe zu, die Person zu verstehen und ihr ein möglichst selbstbestimmtes Sterben zu ermöglichen.
Doch während es zum Umgang mit dem Sterben in vielen Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen bereits spezialisierte Palliativ-Teams gibt, ist etwas ähnliches in Einrichtungen der Behindertenhilfe nach den Erfahrungen von Jessyka Naase-Begier bisher nicht selbstverständlich. Die zehn WuB-Mitarbeiter, die im Rahmen des Pilotprojekts erfolgreich die Grundlagenschulung der Hospiz-Initiative absolviert haben, werden nun als Multiplikatoren das Gelernte in den verschiedenen Abteilungen ihrer Einrichtung verbreiten. In weiteren Schritten sollen auch die Bewohner und Nutzer der Wohn- und Werkstätten und deren Angehörige in die Auseinandersetzung mit den Themen Tod und Trauer mit einbezogen werden. Bis Projektende im August 2019 soll in der WuB ein eigenes Palliativ-Team entstanden sein und ein Leitfaden vorliegen, der es weiteren Einrichtungen erleichtert, letztlich eine Art Sterbekultur zu etablieren, in der das Tabuthema zu einem normalen Thema wird, das zum Leben dazu gehört. kst