Vielfalt mit Zukunftspotenzial

Nikolai Renée Goldmann, hier mit seinen Werken "Symphony No. 41" und hinten: "Mirror, Mirror". Fotos: Jan Köster

Einen Besuch wert: Ausstellung zum Gottfried-Brockmann-Preis in der Stadtgalerie Kiel

KIEL. Für alle, die sich gerne mal von den kreativen Ideen anderer inspirieren lassen, ist die derzeit noch laufende Ausstellung zum Brockmann-Preis 2021 in der Kieler Stadtgalerie in der Andreas-Gayk-Straße 31 sicherlich ein guter Tipp. Der Brockmann-Preis ist ein städtischer Kunstpreis, den die Stadt Kiel jährlich an einen Kieler Künstler oder eine Kieler Künstlerin aus dem Bereich bildende Kunst verleiht, die das 35. Lebensjahr noch nicht vollendet haben und die laut Vergaberichtlinien „für die Zukunft eine aussichtsreiche Entwicklung erwarten lassen“. Insgesamt 15 junge Künstlerinnen und Künstler aus Kiel hatte die Jury eingeladen, sich mit ihrem bis dahin vorhandenen Werk für den Gottfried-Brockmann-Preis zu bewerben. Alle sind mit aktuellen Arbeiten in der spannenden und sehr abwechslungsreichen Ausstellung vertreten, die noch bis zum 20. Februar in der Kieler Stadtgalerie zu erleben ist.

Wasser und Meer spielen in den ausgestellten Arbeiten von Paula König zentrale Rollen.

Mit mehreren Arbeiten ist natürlich Nikolai Renée Goldmann dabei, der aktuelle Träger des mit 5000 Euro dotierten Brockmann-Preises. Obwohl er gerade erst sein Bachelorstudium der freien Kunst an der Kieler Muthesius-Kunsthochschule abgeschlossen und ein Diplomstudium an der Hochschule für Künste in Bremen begonnen hat, bescheinigte ihm die Jury ein bereits vielfältiges Werk mit unterschiedlichsten Ansätzen eines erweiterten und äußerst reflektierten Skulpturbegriffs. Das Wechselspiel zwischen Technik auf der einen Seite und Mensch und Natur auf der anderen Seite ist ein wichtiger Bestandteil seines Werks. So bringt er zum Beispiel in seiner Arbeit „Hyperpositions“  mit Hilfe eines großen Lautsprechers Flüssigkeit dazu, sich technisch angeregt naturgesetzkonform zu bewegen und Muster zu bilden. Mit „Mirror, Mirror“ zeigt er in der laufenden Ausstellung einen digitalen Spiegel, der sein Gegenüber nur verschwommen zeigt. Über ein Display daneben laufen Fragen, die den Betrachter dazu bringen, über das eigene Verhältnis zur Technik nachzudenken, auch zu prüfen, inwieweit Technik wie Smartphones und Computer das Leben vielleicht schon in einer Weise dominieren, die nicht mehr gesund ist. Wie weit Nikolai Renée Goldmann im kreativen Prozess über alle Tellerränder hinaus schaut, zeigt auch sein Werk „Symphony No. 41“, in dem er unter anderem einen erdgeschichtlich uralten Gesteinsbrocken aus dem Juragebirge seiner blauen Kunststoffkopie im Maßstab 1:11 aus dem 3-D-Drucker gegenüber stellt. „Durch Zufall habe ich erfahren, dass auch die Größen von Erde und Jupiter im Verhältnis 1:11 zueinander stehen“, erzählt der Künstler. Und weil die Symphonie Nummer 41 von Wolfgang Amadeus Mozart auch „Jupitersymphonie“ genannt wird, wählte Goldmann für diese Arbeit den Namen „Symphony No. 41“.

Eine der Arbeiten von Tian Wu ist bereits im Eingangsbereich der Stadtgalerie zu sehen.

Die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten der 15 jungen Künstlerinnen und Künstler aus Kiel bleiben längst nicht alle in der Ebene einer Leinwand oder eines Monitors. Vieles greift in den Raum. Einige Beispiele: Fast beiläufig auf steht die „Krone der Schöpfung“ von Jakob Braune einfach so auf dem Fußboden herum: ein Ring aus eingeschweißten Bärchenwurst-Scheiben, in seinem Zentrum eine Ausgabe von Darwins „Die Entstehung der Arten“. Ruslan Barsegian Bemalt Leinwände zuerst auf der Rückseite und nimmt die Stellen, an denen die Farbe bis nach vorn durchsickert, um daraus auf der Vorderseite neue, abstrakte Bilder zu malen.  Lilian Nachtigall macht sich Gedanken um den Kunstbetrieb, indem sie ein Modell der Stadtgalerie in die Stadtgalerie stellt und in das Modell ihr Wunsch-Atelier integriert, Paula König lässt ein Horn durch die Galerie klagen, dessen Töne mit einer Wasserflöte aus Plastikflaschen entstand, die im Meer platziert war – die Wellenbewegung drückte die Luft durch die Apparatur und erzeugte die Töne. Wieder ganz anders: Tian Wu. Ihn fasziniert die Ausdruckskraft von Händen. Seine große kreisförmige Wandmalerei am Eingang der Stadtgalerie besteht aus skizzierten Handgesten einer universellen Gebärdensprache, die Tian Wu selbst entwickelt hat.

Besonders gut genießen lässt sich die Ausstellung, wenn man parallel im Katalog liest, der zur Ausstellung erhältlich ist. Doch auch ohne ihn gibt es genügend Anregendes und Überraschendes, das man auf sich wirken lassen kann. kst

Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr 10-17 Uhr, Do 10-19 Uhr, Sa, So, 11-17 Uhr. Eintritt frei. Es gelten die jeweils aktuellen Corona-Regeln.