Sie wollen wieder spielen

Sie freuen sich, wenn sich der Vorhang endlich wieder hebt: Dr. Waltraut Anna Lach (v.li.), Ulrich Frey, Astrid Großgasteiger, Heather Jurgensen, Daniel Karasek, Roland Schneider, Benjamin Reiners und Jens Paulsen. Foto: Ulrike Volkmann

Kiel. Dass auf einer Bühne Masken getragen werden, ist beim Theater nicht ganz ungewöhnlich. Dass aber auch vor und hinter der Bühne eine Maske getragen werden muss, das gehört inzwischen halt auch bei der Vorstellung des neuen Spielplans für die Spielzeit 2020/21 dazu. Und das ist nicht das Einzige, das anders ist bei dieser Vorstellung: Denn zum ersten Mal präsentiert das Theater Kiel um Generalintendant Daniel Karasek, Generalmusikdirektor (GMD) Benjamin Reiners und Heather Jurgensen für die Ballettdirektion „nur“ einen Teilspielplan für die Monate August bis Dezember. Corona-bedingt.

Nur im Konzertbereich steht das Programm bereits für die gesamte Spielzeit. „Wir haben sehr gerungen mit diesem Spielplan“, erklärt der sichtlich angefasste Generalintendant Karasek. „In der nächsten Spielzeit kann mehr oder weniger passieren – wir wissen ja nicht, wie es weitergeht.“ Unzufrieden ist er mit den strengen Regelungen, die auf der Bühne eingehalten werden müssen: „Das ist der Tod für die Oper!“ Etwas mehr als derzeit erlaubt würde schon gehen – auch ohne Gefahr für Sänger und Zuschauer, sagt er, räumt aber ein, dass er natürlich alles dafür tue, die Sicherheit zu garantieren.

Abonnenten erhalten ein Vorkaufsrecht

Garantieren will das Theater Kiel vor allem eines: gute Unterhaltung auf hohem Niveau. Und dafür haben alle Sparten das getan, was sie am besten können – sie sind kreativ geworden. Haben alles auf Links gekrempelt, Stücke verschoben, angepasst, neue ausgesucht oder eigene entwickelt, die Corona-kompatibel sind, wie beispielsweise „Balkonien“, mit dem am 22. August die Saison von der Oper Kiel eröffnet wird. Fünf Nachbarn singen auf fünf Balkonen von ihren unterschiedlichen Alltagssorgen, unterlegt mit Musik von Klassik bis Pop und halten dabei genügend Abstand.

Die Mozart-Oper „Die Gärtnerin aus Liebe“ kommt in einer gekürzten Fassung mit Erzähler ab dem 12. September auf die Bühne.

Ab dem 2. Oktober ist davon auszugehen, dass die Cartoons von Joshua Held bei der Uraufführung des „Dschungelbuchs“ des italienischen Komponisten Giovanni Sollima garantiert Corona-frei sind.

Urban-Dance meets Barock-Musik: „Il Cambise – Geliebter Feind“ ist ein 300 Jahre vergessenes Werk von Allessandro Scarletti, das die Oper Kiel am 12. Dezember szenisch mit Kreationen der Choreographin Anja Jadryschnikova auf die Bühne bringen möchte.

Über allem schwebt die Unsicherheit, was jeweils zum Zeitpunkt der geplanten Premieren nach den dann geltenden Regeln möglich ist. Deswegen pausieren in der Spielzeit 20/21 alle gewohnten Abonnements, behalten aber ihre Gültigkeit für die Spielzeit 21/22. Abonnenten erhalten dafür 20 Prozent Rabatt auf alle Karten im freien Verkauf und genießen ein monatliches Vorkaufsrecht.

Ballett auf Distanz und sehr persönlich

Circa 100 Zuschauer dürfen aktuell im Zuschauerraum des Opernhauses Platz nehmen – voraussichtlich Ende August wird sich das ändern. Flexibilität ist das große Zauberwort. „Wir gehen von der strengsten Version aus und planen parallel aber auch alle anderen Versionen“, so Karasek. Das gilt nicht nur für die Auslastung der Zuschauersäle, sondern auch für die Möglichkeiten auf der Bühne. Abstand halten, keinen Körperkontakt haben zu dürfen, das bedeutet für ein Ballett eine große Anzahl von Solisten anstelle eines Corps de Ballett. Und so mussten auch die beiden Ballettdirektoren Heather Jurgensen und Yaroslav Ivanenko umplanen. „Unsere Tänzer haben während des Lockdowns alle zu Hause gesessen und eigene Choreographien entwickelt, jetzt freuen sich sich, diese präsentieren zu können“, so Jurgensen. Zu sehen beim Tanzabend „Solitär“ am 19. September in der wohl persönlichsten Choreographie, die es je in Kiel gab.

Ohne Körperkontakte kommt auch die zweite Premiere des Balletts am 7. November aus: „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde in der Choreographie von Yaroslav Ivanenko kann als viele einzelne Solostücke gegeben werden.

Hart treffen die geltenden Hygieneregeln vor allem die Musiker, Chöre dürfen nicht proben, geschweige denn auftreten, Blasinstrumente nicht gespielt werden. Doch davon lässt sich der stets gut gelaunte GMD Benjamin Reiners nicht bremsen und hat kurzerhand sein gesamtes Programm über den Haufen geworfen. Überwältigt von der begeisterten Aufnahme durch das Kieler Publikum krempelte der ausgebremste Generalmusikdirektor die Ärmel hoch: „Wir wollen nichts planen, was wir nicht halten können – was jetzt im Programm steht, das kann auch gespielt werden.“

Ab 6. September soll es losgehen mit den Philharmonischen Konzerten im Kieler Schloss. Mit viel Platz für das verkleinerte Orchester und für die Zuschauer. Nur rund 290 Personen dürfen pro Konzert live dabei sein – deshalb gibt es jedes Konzert vier Mal zu hören: sonntags jeweils zwei Mal, außerdem am Montag und Dienstag darauf. Den Auftakt macht Ludwig van Beethoven. Insgesamt stehen neun Philharmonische Konzert auf dem Spielplan – wenn, ja wenn alles so bleibt.

Weihnachtsmärchen Corona-kompatibel

Wie gelebte Kreativität aussieht, das stellten die beiden Theatermacher Jens Paulsen (Schauspiel Kiel) und Astrid Großgasteiger (Theater im Werftpark) vor. Da tauschen wegen Platzmangel die Schauspieler ihre Plätze mit den Zuschauern oder bringen mit einer mobilen Bühne das Theater zu den in diesem Falle kleinen Zuschauern. Mit auf Reisen gehen Stücke wie „Hikkimori“ (ab 30. August), „Die Verwandlung“ (ab 4. September), „Das Produkt“ (24. Oktober) und „Piratenmolly, Ahoi!“ (ab 6. September), die erste nicht-mobile Produktion des Theaters am Werftpark wird am 16. Oktober „Pinocchio“ sein. Und wenn es keine zweite Welle der Corona-Pandemie gibt, können sich kleine Theaterfans auch auf eine Fortsetzung des „Winterbackens“ ab dem 21. November freuen.

Auch beim Theater für die „Großen“ ist alles anders: „Stücke, die eigentlich für das Studio geplant waren, finden jetzt ihren Weg auf die große Bühne“, so Jens Paulsen, außerdem die Streiche von Max und Moritz als Liederabend inklusive Live-Zeichnungen des Kieler Künstlers Volker Sponholz, die die Spielzeit am Theater im Schauspielhaus am 15. August eröffnen.

Dialoge, Monologe – mehr ist im Moment auf der Bühne nicht drin. Zum Glück haben die Kieler Theaterleute einige Stücke gefunden, die, inklusive Weihnachtsmärchen, Corona-kompatibel sind. Darunter beispielsweise Anton Tchechows „Die Möwe“ (ab 29. August), Max Frischs „Homo Faber“ (ab 10. Oktober) und natürlich das Weihnachtsmärchen, bei dem in „Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin“ beide Protagonisten unabhängig voneinander völlig kontaktlos ihre Abenteuer bestehen müssen.

„Wir wollen unbedingt spielen“, so Jens Paulsen stellvertretend für alle Kollegen. Deswegen rotieren gerade alle Stellen, das aber immer mit Augenmaß. „Wir fahren auf Sicht“, fasst der Kaufmännische Direktor Roland Schneider zusammen und verweist auf die logistische Herausforderung in allen Bereichen. Ein Ziel haben alle vor Augen: die Bühne. Da wollen sie (wieder) hin.vmn

Ab dem 11. August sind die Theaterkassen wieder geöffnet. Der Einzelkartenvorverkauf für Neuproduktionen beginnt am 13. August. Vvk unter Tel. 0431/901901 Mo bis Fr 10-19 Uhr, Sa 10 bis 13 Uhr oder unter www.theater-kiel.de