Party unter den Straßen Kiels

Wandmalereien und unzählige Sticker zeugen von langen Partynächten in den vergangenen Jahren. Der Kieler Rathausbunker hat seinen ganz eigenen Style. Foto: Marie-Kristin Kielhorn

Bunker waren im Krieg die letzten Zufluchtsorte. Wer sie aufsuchen musste, fürchtete um sein Leben. Die Webseite www.bunker-kiel.de geht davon aus, dass es in Kiel mindestens 126 bombensichere Anlagen gab, ihre Reste sind noch heute zu finden. Einige Bunker werden wieder genutzt, teilweise als Orte zum Feiern, für Hobbys oder als spannende Lernorte. In einer kleinen, unregelmäßigen Serie stellt der Kieler Express solche Bunker vor. Heute: der Rathausbunker.

Kiel. Von außen recht unscheinbar, können sich Passanten wohl kaum vorstellen, wie es im Inneren des Rathausbunkers aussehen mag. Dunkel und eng – so viel ist sicher. Aber wie sieht es so viele Meter tief unter der Erde aus? Fast ohne Ende schlängeln sich die schmalen Gänge durch die Kieler Unterwelt, die im Innenhof des Rathauses enden. Dass der Bunker vor 80 Jahren ein Zufluchtsort war, in dem Angst und Panik vorherrschten und in den kein Mensch freiwillig ging, können nachfolgende Generationen nur schwer realisieren und nachempfinden. Die Relikte aus Beton und Stahl gehören dennoch zum Stadtbild.

Der Rathausbunker ist inzwischen aber nicht nur ein Bunker, sondern hat sich in den vergangenen Jahren zu einer angesagten Partylocation und Veranstaltungsfläche entwickelt. Georg Sartorius heißt der junge Mann, der diesem ganz besonderen Ort seit 2006 Leben einhaucht und tief unter der Erde die verschiedensten Menschen zusammenbringt.

Der Rathausbunker wurde zwischen 1930 und 1940 gebaut und bot Schutz für knapp 330 Personen, stand nach Kriegsende aber jahrzehntelang leer. „Ich habe damals als DJ in Kiel eine Fläche zum Auflegen gesucht“, erinnert sich Georg Sartorius, „und als der Bunker zur Kieler Woche einmal geöffnet wurde, bin ich auf ihn aufmerksam geworden und habe einfach bei der Stadt nachgefragt und mich erkundigt.“ Was folgten, waren zahlreiche Behördengänge und Vertragsverhandlungen mit dem Eigentümer, der Bundeswehr, bis sich Sartorius 2006 endlich Pächter des Rathausbunkers nennen durfte. „Silvester 2006 war unsere allererste Party, und ich wurde direkt ins kalte Wasser geschmissen“, erzählt der junge Mann, der aber recht schnell gemerkt hat, dass sein Konzept funktioniert. Jedes Wochenende eine Party – Techno, Elektro, Goa oder Reggae – und dazwischen viele Konzerte oder andere Veranstaltungen: Geburtstage, Flohmarkt, Kinderkino – die Liste ist lang. „Wir bieten den Bunker auch immer gerne unentgeltlich jungen Künstlern an. Studenten der Muthesius haben die Räume zum Beispiel mal für eine Installation genutzt.“ Auch der NDR hat im Rathausbunker schon einmal gedreht, RTL hat angefragt, und für das Theaterstück „Der kleine Prinz“ wurden hier die Stühle gelagert. Aber auch außerhalb Kiels hat sich der ganz besondere Charme des ehemaligen Schutzraums schon herumgesprochen: Anfragen aus ganz Deutschland, Schweden, Italien oder den USA seien nichts Ungewöhnliches. „Wir haben bisher immer ein gutes Feedback bekommen“, erzählt Sartorius, „und wir bessern ständig Dinge aus.“ Ob Toiletten, Mobiliar oder Lichtinstallationen – für das Bunker-Team alles eine Herzenssache. „Ab den Nachmittagsstunden geht es hier rund. Dann wird geputzt, repariert, dekoriert, Bands proben, und die DJs machen Soundcheck“, erklärt Georg Sartorius. Die Gemeinschaft und das Miteinander werden hier großgeschrieben. Auch der Draht zu anderen Clubs und Locations ist gut: „Wir wollen miteinander und nicht gegeneinander arbeiten. Wir sagen auch mal eine Party ab, wenn wir wissen, dass woanders in Kiel für den gleichen Tag schon etwas Ähnliches geplant ist“, erzählt der Pächter. Aber wenn Party ist, dann richtig. Bis zu 199 Personen dürfen gleichzeitig in die Räumlichkeiten, die sich über drei Stockwerke unter dem Erdboden verteilen. Eine Bar, Sofaecken und genügend Platz zum Tanzen – „wenn es mal richtig voll ist und viel geschwitzt wird, dann kann der Schweiß auch schon mal von der Decke tropfen“, erinnert sich Sartorius an heiße Nächte.

Der junge Mann ist nicht nur Pächter des Rathausbunkers, sondern auch Eigentümer des Iltisbunkers in Gaarden. „Und wir überlegen zurzeit, ob wir noch ein Veranstaltungszentrum eröffnen.“ Ein Ende ist also nicht in Sicht. Die Party geht weiter. Marie-Kristin Kielhorn