Für mehr Teilhabe am Leben

Gesa Rogowski (Howe-Fiedler-Stiftung), Volker Clasen (TK), Marion Janser (Diakonie Altholstein), Wolfgang Mainz (ASB), Andrea Böttger, Arne Leisner (beide Stadt Kiel), Svea Schnoor, Marina Koch (Caritas) und Benjamin Walczak (Vorsitzender Groschendreher) wollen auf die Altersarmut in Kiel aufmerksam machen. Foto: vmn

Der Verein Groschendreher nimmt sich des Themas Altersarmut an

Kiel.„Den Groschen mehrfach umdrehen“ – das müssen viele Senioren. Und auch wenn es diesen heute gar nicht mehr gibt, ihre Enkel haben schon begriffen, dass es Oma und Opa ums Sparen geht, wenn sie diese alte Redewendung benutzen. Denn Sparen müssen viele Senioren. Oft reicht die Rente zum Leben einfach nicht aus. Altersarmut – in den Medien derzeit ein häufig diskutiertes Thema – bedroht nicht nur die zukünftige Generation. Sie ist aktuell. Auch in Kiel.

Laut Sozialbericht der Landeshauptstadt bezieht jeder 15. Bürger über 65 Jahren Grundsicherung. Die Dunkelziffer ist weitaus höher. Aus diesem Grunde hat sich in der Landeshauptstadt ein neuer Verein gegründet. Der Verein „Groschendreher“ will der Altersarmut eine Lobby, ein Gesicht geben und vor allem: die Lebensqualität der Betroffenen verbessern.

„Wir werden es nicht schaffen, die Altersarmut abzuschaffen, aber wir wollen Angebote schaffen, als Sprachrohr fungieren“, sagt Benjamin Walczak, Vorsitzender der „Groschendreher“. Dazu sollen die betroffenen Senioren aktiv mit einbezogen werden. Denn: Mit der Altersarmut kommt auch die gesellschaftliche Isolation. „Wir hoffen und wünschen uns, dass möglichst viele Menschen mitmachen“, sagt Gesa Rogowski von der Howe-Fiedler-Stiftung, „denn Armut macht krank.“

Deswegen wird der innovative Ansatz des Vereins von der Techniker Krankenkasse (TK) mit Fördermitteln in der Höhe von 200.000 Euro für fünf Jahre unterstützt. „Nicht nur biologische, auch soziale und wirtschaftliche Faktoren haben Einfluss auf die Lebensqualität der Menschen. Armut, Einsamkeit und fehlender Antrieb können sich negativ auf die Gesundheit auswirken.

Durch dieses Projekt wird die gesellschaftliche Teilhabe der Menschen verbessert und Wege aufgezeigt, wie durch die eigene Aktivität die gesundheitliche Situation verbessert werden kann“, begründet Volker Clasen von der TK das Engagement der Krankenkasse. Auch die Stadt Kiel fördert den Verein mit 50.000 Euro. Dieses Geld soll vor allem dazu verwendet werden, die Stelle von Svea Schnoor als zukünftige Koordinatorin des Projektes sowie Büroräume zu finanzieren. Ihr Ziel ist es, den direkten Kontakt zu den Senioren zu suchen. „Dazu müssen die Angebote besonders niederschwellig sein“, sagt die Kielerin, die derzeit noch an ihrer Masterarbeit zum Thema Partizipation schreibt und dazu viele Interviews mit altersarmen Senioren gemacht hat. Sie weiß, wie schwierig es ist, an diese Personengruppe heranzukommen. „Deswegen brauchen wir möglichst viele Multiplikatoren wie Pflegedienste, Krankenkassen, Nachbarschaftstreffs und andere“, regt Schnoor an. Das sieht auch Marion Janser von der Diakonie Altholstein so: „Wir wollen die Nachbarschaften noch mehr stärken und Kontakte herstellen. In unserem Verein können wir alle Ressourcen bündeln und eine große Gruppe erreichen.“ Ängste und Scham abbauen, Teilhabe und gesellschaftliche Integration fördern, die Wahrnehmung des Themas Altersarmut in der Gesellschaft zu stärken, Vernetzung der Zielgruppe verbessern und niedrigschwelligen Zugang zu Hilfesystemen schaffen, sind die Ziele des Vereins. „Scham und Angst sind immer noch die beiden ganz großen Themen, weswegen die Zahl derer, die sich mit kleiner Altersrente gar nicht trauen, Grundsicherung zu beantragen, auch aus Sorge, dass ihre Kinder herangezogen werden, wächst“, bestätigt Marina Koch von der Caritas die hohe Dunkelziffer von altersarmen Menschen. Diese Ängste sollen durch die Arbeit des Vereins genommen werden. Ab Oktober ist das Vernetzungsbüro des Vereins in den Räumlichkeiten des NetteKieler Ehrenamtsbüro in der Andreas-Gayk-Straße 31 geöffnet.

Am kommenden Mittwoch, 18. September, stellt sich der Verein mit einem Infostand auf dem Wochenmarkt auf dem Exerzierplatz in Kiel vor und richtet sich so nicht nur an Betroffene, sondern auch an die Öffentlichkeit, um auf das Thema Altersarmut aufmerksam zu machen. vmn

Weitere Termine in Kiel: 23. September, 15.30 bis 17 Uhr, Anna Mettenhof, Vaasastraße 43a, und 30. September, 15.30 bis 17 Uhr, Anna Gaarden, Preetzer Straße 35.