Ein Stück Nostalgie

Flokati-Teppich, die ersten Ikea-Möbel und die damals moderne Medientechnik sind in einem Wohnraum dekoriert.  Foto: svp

„Die 70er-Jahre – Zeit der Ernüchterung“ ist im Warleberger Hof zu sehen

Kiel. „Wenn ich an die 70er denke, denke ich an Schlaghosen, Crocs, Parkas, Räucherstäbchen, Queen und Abba“, sagt Kulturdezernentin und Bürgermeisterin Renate Treutel anlässlich der Ausstellungseröffnung der Sonderausstellung „Die 70er-Jahre – Zeit der Ernüchterung“ im Kieler Stadtmuseum Warleberger Hof. „Gleichzeitig gab es aber auch Gewaltexzesse wie die Geiselnahme im Olympischen Dorf, die Entführung der Landshut und die Terroranschläge der RAF. Das sind auch die 70er, nicht nur das Prall-Bunte.“ 50 Jahre ist dieses widersprüchliche Jahrzehnt jetzt her – Zeit, es ins Museum zu bringen.

„Wir arbeiten mit einer These, wir erzählen die Geschichte in einer bestimmten Art und Weise“, betont Kuratorin Dr. Sonja Kinzler. „Die Stimmung eines Jahrzehnts aufzugreifen, ist immer subjektiv. Doch wir wollten das vordergründige, quirlig-bunte Bild erweitern. Schließlich sind die 70er ganz ambivalent.“ Die These, unter der die Ausstellung nun konzipiert ist, ist zugleich ihr Untertitel: „Zeit der Ernüchterung.“

„Die Aufbruchsstimmung, mit der man nach ’68 in die neue Dekade gestartet war, kühlte sich schon nach wenigen Jahren deutlich ab“, erklärt Kinzler. Auch die Landeshauptstadt Kiel, die als Austragungsort der Olympischen Segelwettbewerbe gerade erst richtig Rückenwind bekommen hatte, wurde von der Ernüchterung erfasst. „Der deutsche Herbst mit der RAF hat auch in Kiel seine Spuren hinterlassen, die Ölkrise hat die Werften stark getroffen.“ Auch der erste spürbare Wirtschaftseinbruch nach vielen Jahren beeinträchtigte das Lebensgefühl. Viele Fragen und Probleme, die uns auch heute noch beschäftigen, kamen damals auf: Umwelt- und Klimafragen, Gleichberechtigung, Migration und der Wunsch nach mehr Partizipation.

Die Ausstellung dokumentiert die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Kiel mit zeitgenössischen Dokumenten, Plakaten, Kunst, Fotos und Alltagsgegenständen, auch Ton- und Filmmaterial ist zu hören und zu sehen. „Wir können alles nur schlaglichtartig beleuchten“, sagt Museumsdirektorin Dr. Doris Tillmann in Hinblick auf die große Themenbandbreite. Sie wünscht sich dennoch, dass die Ausstellung ihre Besucher anregt, sich zu erinnern und sich wieder in das Lebensgefühl der 70er-Jahre hineinzuversetzen. „Es ist eine klassische Zeitzeugenausstellung.“ Denn viele der Exponate – Zeitungen und Bücher, Arbeitsgeräte, aber auch die ersten Ikea-Möbel – würden einen deutlichen Erinnerungs- und Wiedererkennungswert auslösen. „Diese Ausstellung ist auch ein Stück weit Nostalgie“, sagt Kuratorin Kinzler.

Wer die Zeit in Kiel erlebt hat, ist eingeladen, eigene Erfahrungen einzubringen: Mithilfe von Kärtchen, die am Ende der Ausstellung hinterlegt sind, können sich Zeitzeugen zu der Ausstellung und ihren Exponaten austauschen. „Außerdem haben die Besucher die Möglichkeit, zu einigen Objekten selbst die Texte zu schreiben.“ svp

Die Ausstellung ist noch bis zum 7. März 2021 im Stadtmuseum Warleberger Hof zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags von 10 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist frei. Es besteht die Pflicht, eine Alltagsmaske zu tragen. Die Zahl der Besucher ist aufgrund der Abstandsregeln begrenzt.