Dorothee Bieskes Lieblingsstück: Das Ungeheuer von Eckernförde

Dr. Dorothee Bieske mag das Bild auch, weil es ganz verschiedene Themenbereiche verbindet. Foto: Museum Eckernförde

„Welches Stück in Ihrem Museum ist Ihr persönliches Lieblingsstück und warum?“ – Diese Frage beantworten die Leiterinnen und Leiter von Museen aus dem Verbreitungsgebiet des Kieler Express’ in einer kleinen Artikelserie. In Folge 4: Dr. Dorothee Bieske vom Museum Eckernförde.

Eckernförde. Er war den Menschen in Eckernförde unheimlich, dieser riesige fremdartige „Fisch“ (eigentlich ein Buckelwal), der am 17. August 1766 im Hafen der Stadt auftauchte. Dass dieses „Ungeheuer“ getötet werden musste, war klar. „So ein Wal war damals eher ein Unglücksbote. Das offene Maul galt als Symbol für das Tor zur Hölle“ erklärt Museumsleiterin Dorothee Bieske. Laut dem Ratsprotokoll der Stadt vom 21. August 1766 war die Jagd ein siebenstündiges Gemetzel, das von zahlreichen Schaulustigen an den Ufern verfolgt wurde. Boote versperrten dem Wal den Fluchtweg in die offene Ostsee. Die Fischer schossen mit Harpunen und Gewehren auf ihn, warfen Lanzen und Bootshaken in sein Fleisch. An den Leinen der Harpunen, die in ihm steckten, zog der Wal die Boote seiner Jäger im Hafen hin und her. Wenn er auftauchte und blies, stieß er dabei „…ein Getöhn fast wie das Brüllen eines Ochsen…“ aus, wie es im Protokoll heißt. Sogar in der Borbyer Kirche soll das Gebrüll noch zu hören gewesen sein.

Als das „Ungeheuer“ erlegt war und tot auf dem Strand lag, beschlossen die Eckernförder Ratsleute, das Ereignis für die Nachwelt im Bild festzuhalten. Fotografie gab es noch nicht. Also wurde der Fayencenmaler Johann Leihamer beauftragt, zwölf naturgetreue Bilder des Wales zu malen – unter anderem je eines für jeden Eckernförder Ratsherren. Zwei davon gibt es noch: Eines liegt im Schleswig-Holsteinischen Landesarchiv, das andere hat das Museum Eckernförde. Als Gouache, also mit Wasserfarben, malte Leihamer die Bilder. „Ad vivum delineata“ schrieb er auf das Exemplar des Museums – „nach dem Leben gezeichnet“ – und fügte auch die Maße des Tieres dazu: „Lang 34 Fuß, 7 Zoll, Dicke 21 Fuß“ – wohl um zu unterstreichen, dass dieses Wesen nicht seiner Fantasie entsprungen war, sondern wirklich genau so vor ihm gelegen hatte.

Als Dorothee Bieske 2016 im Eckernförder Museum anfing, lag das lichtempfindliche Bild dunkel verpackt im Magazin. Bis der Walexperte Dr. Andreas Pfander für eine Aktionswoche zum 250. Jahrestag des Ereignisses nach diesem Exponat fragte. Nach dem Auspacken des Bildes war die Kunsthistorikerin begeistert. Nicht nur, weil es eine „wunderbare“ Gouace ist, wie sie sagt, sondern „auch, weil es ein Exponat ist, das viele Geschichten erzählt.“ Zum Beispiel von der Eckernförder Fayencen-Manufaktur Otte. Fayencen sind Keramiken ähnlich wie Porzellan, aber aus etwas gröberem Ton. Die Familie Otte hatte damals große Bedeutung in Eckernförde. Und von Johann Leihamer. Er war einer der bedeutendsten Fayencenmaler seiner Zeit in Schleswig-Holstein, der als Wander-Maler von Arbeitsort zu Arbeitsort reiste und zufällig gerade in Eckernförde bei Otte arbeitete, als der Wal dort auftauchte.

Und natürlich erzählt das nur 26 mal 44,2 Zentimeter große Bild vom Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Bis zum Beginn der Corona-Beschränkungen gab es in Zusammenarbeit mit dem Eckernförder Ostsee-Info-Center einen jährlichen „Wal-Tag“, bei dem auch Johann Leihamers Bild immer eine Rolle spielte. Aktuell ist das Bild in der Ausstellung des Museums zu sehen, allerdings muss es voraussichtlich bald wieder ins dunkle Magazin, um keinen Schaden zu nehmen. „Ich bemühe mich aber darum, eine Reproduktion anfertigen zu lassen“, sagt die Museumsleiterin. Dann wird das Bild dauerhaft zu sehen sein können. kst