Den Durchblick behalten

In der Reproduktion fertigt Hjördis Mildenberger Digitalisate historischer Medien an. Foto: Sabrina Böhm

Kiel. Tausende Bücher, Bilder, historische Handschriften und sogar Militärsäbel sind in der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek (SHLB) zu finden. Ihr Auftrag ist es, die Geschichte Schleswig-Holsteins zu bewahren und allen zugänglich zu machen. Eine Mission, die ständige Weiterentwicklung fordert.

Chaotisch sollte eine Bibliothek nun wirklich nicht sein, und doch ist in den Regalen im Büchermagazin erstmal keine Ordnung nach Titel, Themen oder Autoren zu erkennen. „Hier werden alle Bücher nach eingehendem Datum eingepflegt“, erklärt Hjördis Mildenberger. Die 45-jährige Bibliotheksmitarbeiterin kurbelt an einem der Regalblöcke und verschiebt gleich drei Reihen auf einmal. Es öffnet sich ein kleiner Spalt zwischen zwei Blöcken, und sie verschwindet kurz darin, um ein Buch herauszuholen. „Früher war alles nach Thema sortiert, und es wurde Platz für neue Bücher gelassen, falls etwas dazukommt“, so Mildenberger. Das heutige Ordnungs- und Regalsystem ist platzsparender.

Der Platzbedarf ist ein großes Thema für die SHLB. Seit ihrer Gründung 1895 lautete ihre Aufgabe: das Sammeln von Schrifttum rund um Schleswig-Holstein, zur Landeskunde, aber auch zur Belletristik, ebenso Karten und Bilder. Zahlreiche Nachlässe von Adelshäusern, von Künstlern und Wissenschaftlern sind Teil der Sammlung geworden. Seit Ende der 1940er-Jahre gilt zudem das Pflichtexemplarrecht. Alle Verlage, die in Schleswig-Holstein etwas herausgeben, müssen ein Exemplar an die Landesbibliothek abgeben. Heute umfasst der Bestand rund 230.000 Bücher, 8000 Karten, 250 Nachlässe, 25.000 Notendrucke, 3000 Musikhandschriften, 37.000 Bilddokumente, 3400 Münzen und Medaillen und 13.000 Notgeldstücke. Spannend sind auch die 30.000 Stücke der Schachliteratur, die aus einem Nachlass stammen. Einzelne Bereiche wurden sogar schon ausgelagert, wie das Zeitungsarchiv, das in Flensburg zu finden ist.

Hjördis Mildenberger wird nachgesagt, dass sie weiß, wo alles liegt. „Manchmal muss ich durch das ganze Haus laufen, um ein Werk zu finden“, sagt sie. Denn nur ein kleiner Teil der Sammlung ist im Lesesaal öffentlich zugänglich. Das meiste ist in den jeweiligen klimatisierten Fachmagazinen einsortiert. Mit ihrem Schlüsselbund kommt Mildenberger in jeden Raum. Schwere Sicherheitstüren schützen die kostbaren Raritäten und Unikate. Oft sind sie eng in Regalen gestapelt.

Etwas anders dagegen sieht es im Bildermagazin der Landesgeschichtlichen Sammlung aus. Große Räume mit vielen Einzelelementen, Fotoalben, Gemälde und allerlei Kunstobjekte gibt es hier zu entdecken – und eine militärische Sammlung. „Wir haben erst einen Bruchteil der Sammlung hier digital erfasst. Früher wurde handschriftlich auf Karteikarten geschrieben, wo was liegt“, sagt Archivarin Julia Buchholz. Dass nicht jede Archivarin eine gut leserliche Schrift hatte, macht das heutige Auffinden von Objekten manchmal zu einer kleinen Schnitzeljagd.

Die Landesgeschichtliche Sammlung enthält überwiegend Bilddokumente zur Landes- und Kulturgeschichte Schleswig-Holsteins. Sie umfasst circa 35.000 Blätter und mehrere hundert Gemälde. Der Ursprung der Sammlung ist das erste landesgeschichtliche Museum, die „Historische Landeshalle“, die 1897 gegründet wurde. 1935 wurde diese Sammlung in die Landesbibliothek integriert. Damals war die Bibliothek im Kieler Schloss untergebracht, nachdem das Gebäude der Provinzialverwaltung in der Gartenstraße zu klein für den Bestand wurde. 1941 bis 1948 wurde der Bestand ins Kloster Cismar ausgelagert. Somit gingen während des Krieges nur etwa 7500 Bände verloren. 1965 bezog die SHLB dann die ehemalige Kaserne in der Wik, um danach wieder ins Schloss zurückzukehren. Anfang 2002 eröffnete die SHLB mit einem Tag der offenen Tür ihre neuen Räumlichkeiten im Sartori & Berger Speicher.

Auch heute steht die Bibliothek in ihrer Entwicklung nicht still. „Das liebe ich an meinem Job. Es kommen immer wieder neue Aufgaben hinzu. Gerade die Digitalisierung finde ich sehr spannend“, so Mildenberger. In ihrem Job vereint sie die alten und die neuen Seiten der Landesbibliothek. Jeden Tag steht sie auch am A2-Aufsichtscanner und digitalisiert Buchseiten für den Datentransfer. Anfragen für bestimmte Medien kommen aus aller Welt. Viele davon sind wissenschaftlicher Natur. Doch die Landesbibliothek ist nicht nur ein Ort für die wissenschaftliche Elite. „Jeder kann herkommen und sich etwas ausleihen, ganz ohne Gebühr“, so Mildenberger.

Regelmäßig finden in der SHLB auch Ausstellungen statt, um ausgewählte Themenbereiche der breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Doch im Moment pausieren die Ausstellungen, denn es ist ein großer Umbau geplant. Die Landesbibliothek möchte zum „Dritten Ort“ in Kiel werden. „Ein Ort, der die Begegnung mit Literatur, Geschichte und Traditionen – kurz: dem Kulturellen Erbe in Schleswig-Holstein – ermöglicht“, so Martin Lätzel, Leiter der SHLB. „Die Landesbibliothek wird zu einem Kompetenzzentrum für Digitalisierung und Kultur. Ein Lernort der Zukunft, ein neuer und innovativer Ort für Schleswig-Holstein, der authentisch Tradition und digitale Zukunft im Kulturbereich publikumswirksam und fundiert vermittelt.“saa