385 Jahre Ortsgeschichte

Johannes Rosenplänter (v.li.) und Doris Tillmann nahmen die zum Teil weit über 300 Jahre alten Dokumente von Gildeschreiber Franz-Joachim Neumann und Ältermann Holger Ulbrich entgegen. Foto: kst

Neumühlener Große Gilde von 1635 spendet ihr Archiv

Kiel. Nach dem dritten Wasserschaden in der Wohnung war es für Franz-Joachim Neumann, Schreiber der Neumühlener Großen Gilde von 1635, genug: Was, wenn bei der nächsten häuslichen Katastrophe die uralten Gildeunterlagen, die er zu Hause aufbewahrte, nicht mehr unbeschadet davonkommen? „Herr Neumann rief dann bei mir an“, berichtet Dr. Johannes Rosenplänter, Leiter des Kieler Stadtarchivs, „. Ich habe ihn zu Hause besucht, und er hat mich zum Staunen gebracht.“ Rund 30 ganz unterschiedliche Akten und Bücher hatte Franz-Joachim Neumann vorbereitet, die er in die Obhut des Stadtarchivs und damit in Sicherheit geben wollte. Auf ihrer Versammlung im Dezember 2019 gaben die Mitglieder der Gilde für die „Rettungsaktion“ grünes Licht.

Herzstück des Dokumentenschatzes ist eine Holzschachtel, in der das in Schweinsleder gebundene, handgeschriebene erste Amtsbuch der Gilde liegt. Die Eintragungen in dem Buch starten mit einer Abschrift der Gildeordnung von 1635. „Da kriegt man als Archivar erstmal Maulsperre“, sagte Johannes Rosenplänter, als er gemeinsam mit Archiv- und Museumsdirektorin Dr. Doris Tillmann den Archivschatz im Lesesaal des Stadtarchivs von Ältermann Holger Ulbrich und Franz-Joachim Neumann entgegennahm.

Auch Exemplare der Chroniken zum 350-jährigen und zum 375-jährigen Bestehen der Gilde gehören zu den Dokumenten. Für diese Chroniken hatten der ehemalige Gildeschreiber Eckhard Klau und der Ehrenältermann Klaus Bansemer Auszüge aus dem handschriftlichen Band bereits ins Hochdeutsche übersetzt. Eckhard Klau stiftete auch ein neues Protokollbuch mit übersetzten Aufzeichnungen ab dem Jahr 1925. Außerdem sind unter anderem auch Mitgliederbücher, Mitgliederlisten und Rechnungsbücher in die Obhut des Stadtarchivs übergegangen sowie die Gilderolle, in der alle wichtigen Veränderungen der Gilde aufgezeichnet sind.

Die Dokumente sind ein Spiegel des gesellschaftlichen Lebens in Neumühlen und Dietrichsdorf aus einer Zeit, lange bevor der Bereich nach Kiel eingemeindet wurde, bis in die jüngere Vergangenheit. Ursprünglich war die Gilde eine Gemeinschaft, die sich im Brandfall gegenseitig unterstützte. In den 1950er-Jahren wurde sie zur Neumühlener Großen Lustgilde, in der auch das gesellschaftliche Leben eine große Rolle spielte. Auch eine Sterbevorsorge kam dazu, die aber inzwischen ein eigener Verein ist.

Das uralte erste Amtsbuch der Gilde, dessen Einband leicht beschädigt ist, soll nun zunächst restauriert werden. Anschließend werden die wertvollen Neumühlener Dokumente im Stadtarchiv gesichert und können dann im Lesesaal eingesehen werden.