Wenn die Ostsee überschwappt

Eine besondere Kombination aus sehr kräftigem Wind und großräumiger Wasserbewegung sorgte dafür, dass die Kieler Förde am Jahresanfang bis zum Rand gefüllt war. Foto kstEine besondere Kombination aus sehr kräftigem Wind und großräumiger Wasserbewegung sorgte dafür, dass die Kieler Förde am Jahresanfang bis zum Rand gefüllt war. Foto kst

Geomar-Forscher erklären, wie das Hochwasser zustande kam

Kiel/Eckernförde. Mit einem für die Ostsee relativ seltenen Naturereignis startete die schleswig-holsteinische Westküste ins neue Jahr: einem ordentlichen Hochwasser. Eigentlich gibt es in der Ostsee keine spürbaren Gezeiten. Trotzdem mussten an Neujahr die unerschrockenen Teilnehmer beim Neujahrs-Anbaden in Eckernförde wegen Ebbe vom Strand aus zunächst ein gutes Stück Wattwandern, bevor sie einen Zeh in die kalte Ostsee stecken konnten. Auch in Kiel stand die Seebadeanstalt Düsternbrook am Neujahrstag fast komplett auf dem Trockenen. Rund einen Tag später dann das Gegenteil: Mit Pegelständen von mehr als 1,50 Meter über dem normalen Wasserstand lief die Kieler Förde fast über, an der Kiellinie und an der Kieler Innenförde schwappten die Wellen so viel Wasser an Land, dass Bereiche am Wasser überflutet waren und gesperrt werden mussten. Die Stege der Seebadeanstalt waren überflutet. Auch in Eckernförde waren Teile der Uferpromenade überschwemmt, und der Strand war nahezu komplett unter Wasser, bis am frühen Nachmittag der Wasserstand wieder zurückging.

Verantwortlich für das Hochwasser waren verschiedene Ereignisse, die zusammentrafen. Vor allem der Wind und der sogenannte „Badewanneneffekt“, wie der Meteorologe Dr. Karl Bumke und der Ozeanograf Dr. Andreas Lehmann, beide vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel, erklären.

Mit einem ordentlichen Sturm im Skagerrak fing es an: Der drückte mit Böen bis Windstärke 11 am 30. und 31. Dezember so viel Wasser aus der Nordsee in die Ostsee, dass diese schon ein bisschen besser gefüllt war als gewöhnlich. An Silvester und Neujahr schob dann Südwestwind mit Stärken bis 10 Beaufort das Wasser von der schleswig-holsteinischen Küste weg in die zentrale Ostsee hinein. In Kiel fiel dadurch der Wasserstand um einen halben Meter, in der Lübecker Bucht teilweise um einen ganzen Meter.

Einen Tag später, am 2. Januar, schwappte das Wasser dann genau wie in einer Badewanne wieder zurück und traf die schleswig-holsteinische Küste. Der immer noch kräftige Wind hatte zu dieser Zeit auf Nord gedreht und half dem zurückschwappenden Wasser mit Rückenwind nach. Wind aus Nord drückte außerdem direkt in die Kieler Förde hinein und baute damit Wellen auf, die gegen die Uferkanten schlugen und an Land überschwappten.

Wasserstandsschwankungen in der Ostsee sind normal. Dass es dabei zu einem Hochwasser kommt, bei dem der Wasserstand wie jetzt bei Holtenau 6,60 Meter erreicht, ist in 150 Jahren 26 Mal geschehen – „also im Schnitt etwa alle fünf Jahre“, so Dr. Karl Bumke. Gegen das Hochwasser von 1872 war das allerdings noch gar nichts: Damals erreichte der Pegel in der Kieler Förde einen Stand von 7,97 Metern.