Verletzungen haben Verfallsdatum

Opfer häuslicher Gewalt sollten ihre Verletzungen schnell gerichtsfest dokumentieren lassen, um die Chance zu wahren, den Täter auch später noch zur Rechenschaft ziehen zu können. Foto: Pixabay

UKSH und Land wollen den Schutz von Opfern häuslicher Gewalt verbessern

Kiel. Bei einem Besuch der Kieler Rechtsmedizin zieht Justizministerin Dr. Sabine Sütterlin-Waack Bilanz: Seit 2015 arbeitet das Justizministerium Schleswig-Holstein gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) an einem Projekt zur vertraulichen Spurensicherung und Befunddokumentation in Fällen häuslicher und sexualisierter Gewalt sowie Kindesmisshandlung. Mittlerweile kann durch die Kooperation mit verschiedenen Kliniken des Landes eine flächendeckende kostenfreie Untersuchung sichergestellt werden, um Verletzungen von Gewaltopfern schnellstmöglich zu dokumentieren.

„Was können wir tun, um von Gewalt Betroffene aufzufangen?“ – diese Frage stellt sich Dr. Nadine Wilke-Schalhorst, Projektkoordinatorin vom UKSH. Besonders wichtig sei demnach ein multiprofessionelles und interdisziplinäres Versorgungssystem, durch das diagnostische Maßnahmen verknüpft werden können, um eine gerichtsverwertbare Dokumentation von Verletzungen sicherzustellen. „Verletzungen haben ein Verfallsdatum“, betont Dr. Wilke-Schalhorst, denn eine adäquate, zeitnahe Befunddokumentation und Spurensicherung haben erhebliche Auswirkungen, wenn sich Betroffene später doch noch zu einer Anzeige entscheiden. Oft steht vor Gericht Aussage gegen Aussage, eine zeitnahe Sicherung der forensischen Spuren würde somit in einem Prozess eine frühe strafrechtliche Bewertung der Tat zulassen, die Identifizierung eines Tatverdächtigen ermöglichen und die Glaubwürdigkeit des Opfers untermauern.

Für eine möglichst schnelle und diskrete Behandlung können sich Betroffene kostenlos und unter dem Schutz ihrer Daten an die zentralen Notaufnahmen der Krankenhäuser im Land wenden. Hier wurden die Ärzte durch rechtsmedizinische Kollegen vom UKSH und UKE geschult, um Spuren gerichtsverwertbar sichern, dokumentieren und interpretieren zu können. Auch ein direkter Kontakt zu den rechtsmedizinischen Ambulanzen des UKSH Kiel und Lübeck sowie dem UKE Hamburg-Eppendorf ist möglich. Die Rechtsmedizin arbeitet dabei eng mit weiteren ärztlichen Fachrichtungen zusammen, um die Patienten optimal zu versorgen. Im Rahmen der Untersuchung werden Verletzungen behandelt, Befunde gesichert und Beweise nach einer schriftlichen Einwilligung für bis zu 20 Jahre aufbewahrt. Eine Untersuchung können Betroffene auch dann vornehmen lassen, wenn eine Strafanzeige vorerst nicht in Betracht gezogen wird. So können Opfer von Gewalt auch außerhalb der Strafuntersuchung unkomplizierte Hilfe in Anspruch nehmen.

Für Hilfe auch abseits der medizinischen Behandlung erhalten Opfer nach der Beweissicherung in den Ambulanzen umfassendes Informationsmaterial und den Kontakt zu Beratungsstellen in ihrer Nähe. Der Frauennotruf Kiel oder der Weiße Ring beraten im Anschluss zu möglichen gerichtlichen Vorgehen oder vermitteln psychologische Betreuung.

Trotz einer steigenden Zahl an Patienten, die das Angebot der rechtsmedizinischen Ambulanz in Anspruch nehmen, besteht auf dem Gebiet der häuslichen und sexualisierten Gewalt sowie der Kindesmisshandlung weiterhin eine große Dunkelziffer. Den 736 untersuchten Fällen in 3,5 Jahren stehen beispielsweise jährlich mehrere Tausend Einsätze wegen häuslicher Gewalt gegenüber. Oftmals hält Scham und Angst die vorwiegend weiblichen Opfer von einer Anzeige der Taten ab. kms

Rechtsmedizinische Ambulanz Kiel, Tel. 0431/50015901, rmed-ki@uksh.de, Sprechzeiten Mo-Do 8-16 und Fr 8-15 Uhr

Frauen Notruf Kiel, TBU: Tel. 0431/91144, frauennotruf.kiel@t-online.de, www.frauennotruf-kiel.de