Mobil mit Stock und Streifen – Weiße Bodenmarkierungen sind wichtige Hilfsmittel für sehbehinderte Menschen

Indem Philip Pieper mit der Spitze seines Stocks über den Boden streicht, kann er die unterschiedlichen Oberflächen des Bodenindikators und des begleitenden Pflasters ertasten und den Streifen so zur Orientierung nutzen. Foto kst

Kiel. Mitten durch das dekorative Kopfsteinpflaster des Rathausplatzes und um den Platz herum verlaufen seit Kurzem breite weiße Streifen mit Rillen in der Oberfläche. Für Menschen wie Philip Pieper sind sie ein wertvolles Hilfsmittel, um sich auf dem großen Platz zu orientieren und die barrierefreien Eingänge von Rathaus und Opernhaus zu finden. Philip Pieper ist seit einem Krankheitsschub so gut wie blind. Seit rund einem halben Jahr trainiert der 33-Jährige mit Andreas Wendt vom Blinden- und Sehbehindertenverein Schleswig-Holstein, sich allein auf der Straße in Kiel zurecht zu finden. Andreas Wendt ist Reha-Lehrer für Orientierung und Mobilität. Mit Philip Pieper trainiert er, damit dieser sich wieder aus dem Haus wagen und selbstständig Orte in Kiel aufsuchen kann. Dafür muss sein Schüler lernen, sich an Geräuschen zu orientieren, wildfremde Menschen um Hilfe zu bitten oder auch mit Smartphone-Apps umzugehen, die über Sprachausgabe beim Zurechtfinden in der Stadt helfen. Sein wichtigstes Hilfsmittel ist aber der Blindenstock. „Ohne den gehe ich nicht. Das ist mein Bodenradar“, sagt Philip Pieper. An den gerade erst vor kurzer Zeit neu verlegten weißen Streifen auf dem Rathausplatz zeigt er, wie das geht: Während er voran geht, pendelt er mit dem Stock über den Boden und liest darüber die Informationen aus, die die Oberfläche bietet. Auf den Streifen führen ihn die Rillen und Rippen in die richtige Richtung. Damit sich die Struktur dieser so genannten Bodenindikatoren gut vom unebenen Kopfsteinpflaster abhebt, werden die weißen Orientierungsstreifen von glattem, dunklerem Plattenpflaster flankiert.

An Abzweigungen wechselt die Oberfläche: Flächen mit Noppen bremsen und warnen, dass sich jetzt etwas ändert. Aus der Anordnung der Noppenfläche liest Philip Pieper ab, in welcher Richtung er mit dem Stock nach der Fortsetzung des Orientierungsstreifens suchen muss. Darüber hinaus hilft der Stock dabei, Hindernisse rechtzeitig zu erkennen und ist für Sehende ein wichtiges Erkennungsmerkmal. „Meine Blinden-Armbinde interessiert irgendwie niemanden. Aber wenn ich meinen Stock dabei habe, bekomme ich fast überall sofort Hilfe angeboten“, sagt Philip Pieper.

Durch den starken Kontrast zwischen weißem Streifen und den dunkleren Platten daneben ist der Bodenindikator auch noch für Menschen zu erkennen, die nur noch sehr schlecht sehen können. Damit Streifen und Noppen möglichst an jedem Ort einheitlich erfühlt und verstanden werden können, regelt die DIN 32984 ihre Beschaffenheit und die Art der Verlegung im Boden. An Bushaltestellen markieren diese Streifen zum Beispiel die Stelle, wo die vordere Tür ist, wenn der Bus angehalten hat, auf Bahnhöfen führen die Bodenindikatoren zu den Zügen und warnen vor der Bahnsteigkante.

Philip Pieper hat im Zuge seines Mobilitätstrainings erfahren, wie enorm wichtig und hilfreich die gerillten weißen Streifen für sehbehinderte Menschen sind. „Sie sollten darum unbedingt frei gehalten werden. Also nicht zum Beispiel mit Koffern, Fahrrädern, Wurstbuden oder Werbeschildern voll gestellt werden“, bittet der 33-Jährige. kst

Infos für Menschen mit Seh-Beeinträchtigung gibt es unter https://blickpunkt-auge.de