Zaubern für den Zauberer

Echte Muckis braucht Sabine Keil, um Tony Marossek in das Kostüm des Blechmannes zu bekommen. Circa zwölf Kilo, schätzt der Schauspieler, wiegt es. Foto: vmn

Sabine Keil ist die Kostümbildnerin des Weihnachtsmärchens am Theater Kiel

Kiel. Wenn sich am Sonnabend, 16. November, um Punkt 17.30 Uhr der Vorhang hebt und Anne Rohde als Dorothy die Bühne im Kieler Weihnachtsmärchen „Der Zauberer von Oz“ betritt, geht bei ihr, ihren Schauspielkollegen und allen anderen am Stück Beteiligten des Theaters Kiel vor und hinter der Bühne der Puls hoch. Nur eine kann sich relativ entspannt zurücklehnen: Sabine Keil ist die Kostümbildnerin des Stückes. Ihre Arbeit ist dann bereits getan.

Schon vor sechs Monaten hat sie angefangen, sich mit dem Stück zu beschäftigen, da stand noch gar nicht fest, welche Schauspieler überhaupt dabei sind. Trotzdem entstanden im Kopf von Sabine Keil die Figuren. Die kindliche Dorothy, die pragmatische Tante Em, die auf dem Land in Kansas lebt, die Vogelscheuche Krähenschreck, der ängstliche Löwe Hasenherz – alles Figuren, die relativ einfach vorzustellen sind. „Karos tauchen überall auf. Das erste Bild ist auf dem platten Land, dementsprechend sind auch die Kostüme ländlich, praktisch. Karierte Hemden, Latzhosen – fertig!“, erzählt Sabine Keil. Schwieriger wird es bei den Hexen, dem Zauberer, den Fabelwesen wie den Munchkins und den fliegenden Affen. „Für jede Figur habe ich eine eigene Mappe, in der ich alle Ideen sammele, dann Zeichnungen anfertige, diese gemeinsam mit dem Regisseur bespreche und nach denen ich dann arbeite.“ Dabei muss sie darauf achten, dass die Kostüme ins Bühnenbild passen, für das Agieren der Personen auf der Bühne funktionieren und beispielsweise auch durch eine enge Versenkung passen. „Nur die Königin der Feldmäuse, die darf etwas breiter sein, da konnte ich aus dem Vollen schöpfen“, schwärmt die kreative Schneiderin, die es gern „ein bisschen mehr mag“. Davon kann vor allem ein Schauspieler ein Liedchen singen: Circa zwölf Kilo, schätzt Tony Marossek, wiege sein Kostüm des Blechmanns bestimmt, und er schnauft ziemlich, als Sabine Keil ihm den oberen Teil seines „Anzuges“ umschnallt.

Wenn Tony Marossek auch noch die blechernen Arme und Beine seines Blechmann-Kostüms trägt, wird es richtig unbequem für den 27-Jährigen.

Ausgeliehen, umgeschneidert, neugestaltet, dazugekauft, selbst genäht – so unterschiedlich wie die Kostüme aussehen, so sind sie auch entstanden. „Natürlich schaue ich erstmal im hauseigenen Fundus, was da für Schätze schlummern, die ich umarbeiten und wiederverwenden kann“, so Sabine Keil. So fand eine irre Federboa eine neue Verwendung als Kragen auf der Korsage der bösen Hexe, die blauen Hoodies der possierlichen Munchkins sind ebenfalls bühnenerprobt und werden jetzt, mit zahlreichen bunten Bommeln bestückt, Kinderaugen zum Strahlen bringen. „Ich arbeite gern mit visuellen Effekten, und Kinder mögen das sehr, trotzdem muss auch alles möglichst praktisch und pflegeleicht sein“, gibt die Herrin über bis zu 40 Kostüme allein für dieses Stück zu bedenken. „Ich wasche sehr viel beim Weihnachtsmärchen, wenn bis zu drei Vorstellungen am Tag gespielt werden.“ Das ist bei dem roten Sommerkleid, in dem Dorothy samt Farmhaus ins Land der Munchkins geweht wird, kein Problem. Aber wie bekommt man eine Vogelscheuche porentief rein? „Da müssen wir kreativ sein“, sagt Sabine Keil.

Bis zur Premiere müssen alle Kostüme angepasst und auf ihre Bühnentauglichkeit geprüft sein. Noch stehen die Schauspieler mehr oder weniger „privat“ in der wunderbar bunten Kulisse von Marie Rosenbusch. Nach den Proben im Schauspielhaus geht es elf Tage vor der Premiere zum ersten Mal mit Regisseur Frank-Lorenz Engel auf die „richtige“ Bühne im Opernhaus. „Das ist am Anfang immer noch ein bisschen holprig, weil das Schauspiel hier ja eigentlich nicht ,zu Hause‘ ist und die Wege hier etwas anders sind“, so Dramaturgin Lena Carle, die gemeinsam mit Sabine Keil gespannt die erste Durchlaufprobe verfolgt. Die macht sich fortwährend Notizen, denn einige Schauspieler verkörpern gleich mehrere Rollen. Da müssen sie fix rein und raus aus den Kostümen. Eine große Herausforderung – aber im Gegensatz zu dem Geschehen im diesjährigen Weihnachtsmärchen keine Zauberei, sondern echtes Handwerk. Wie die wunderbaren Entwürfe im Endeffekt aussehen und ob die Vogelscheuche auch wirklich nicht streng riecht, erfahren alle kleinen und großen Zuschauer ab dem 16. November im Kieler Opernhaus.

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