Wenn die Psyche streikt

Dr. med. Daniel Meinecke, Chefarzt der Ameos Psychiatrie- und Psychotherapieklinik Kiel und Preetz, ist Mitorganisator der Woche der seelischen Gesundheit Kiel. Foto: vmn

Woche der seelischen Gesundheit in Kiel – Hilfe suchen und diese auch annehmen ist wichtig

Kiel. Unter dem Motto „Merk-würdig – Psyche im Fokus“ will die erste „Woche der seelischen Gesundheit“ in Kiel vom 19. bis 24. August Ängste und Vorurteile abbauen, Begegnungen ermöglichen und Wege aufzeigen, achtsam mit sich umzugehen und die psychische Gesundheit zu erhalten. Doch wie erkenne ich, dass ich psychisch erkrankt bin und wie gehe ich damit um? Muss ich meinen Arbeitgeber informieren, wie reagiert mein Umfeld?

„Es gibt eine Vielzahl von psychischen Erkrankungen“, so Dr. med. Daniel Meinecke, Chefarzt der Ameos Klinika Kiel und Preetz und Mitveranstalter der Woche der seelischen Gesundheit, „die häufigsten sind mit Sicherheit Depressionen und Ängste, die meist miteinander einhergehen. Aktuell wird geschätzt, dass circa fünf Prozent der Bevölkerung an einer behandlungswürdigen depressiven Erkrankung leiden. Die Erkennungszeichen sind meist profan: Diese Menschen bemerken, dass sie nicht mehr so leistungsfähig sind, schlecht schlafen und viel grübeln. Sie brechen den Kontakt zu anderen Menschen ab und geraten immer mehr in eine Isolation.“ Wichtig sei es vor allem, sich selbst einzugestehen, dass man Hilfe benötigt, so der Mediziner weiter. Oft seien es aber zunächst Freunde, Arbeitskollegen oder Angehörige, die bemerken, dass sich der Betroffene verändert hat. „Wir wollen mit der Woche der Seelischen Gesundheit die Erkrankung in das Bewusstsein der Menschen bringen. Es ist sicherlich nicht schön, solch eine Erkrankung zu haben, aber man kann sie behandeln. Dafür muss man sie aber akzeptieren und sich entsprechend Hilfe suchen“, erklärt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Und genau das falle den meisten Patienten nicht leicht. Ein erster Schritt sei immer das Gespräch mit dem Hausarzt, der seinen Patienten gut kennt und zunächst organische Ursachen überprüft und im Anschluss gut weiterhelfen kann. Alternativ sollten Betroffene eine Beratungsstelle aufsuchen. „Die Stadt Kiel bietet über den sozialpsychiatrischen Dienst eine Informationsstelle, zu der man hingehen kann – auch anonym. Auch die psychiatrischen Kliniken in Kiel sind 24 Stunden jeden Tag geöffnet und im Notfall für die Patienten da“, so Meinecke. Groß sei außerdem immer noch die Angst vor Stigmatisierung und damit einhergehend die Angst, die Erkrankung öffentlich zu machen. „Wir versuchen mit den Patienten auf therapeutischer Ebene zu erarbeiten, was passieren könne, wenn beispielsweise der Arbeitgeber davon erfährt, so nehmen wir Ängste. Praktisch haben wir größtenteils die Erfahrung gemacht, dass die meisten Arbeitgeber positiv reagieren und ihren Mitarbeiter im Gesundungsprozess unterstützen. Sowohl bei großen Unternehmen als auch bei kleinen Handwerksbetrieben.“ Ein wichtiger Nebeneffekt: Muss die Krankheit nicht mehr versteckt werden, wird der Druck, sie zu verbergen, genommen. Eine große Erleichterung für den Patienten, wie Dr. Meinecke aus seiner Erfahrung weiß.

Trotzdem empfinden viele Menschen den Begriff „Burnout“ derzeit als überstrapaziert, und die Anzahl der Diagnosen scheint stetig anzusteigen. „,Burnout‘ beschreibt eine durch chronischen Stress entstehende Überlastung sowie Reizüberflutung und eine dadurch entstehende, verminderte Leistungsfähigkeit. Für mich ist es irrelevant, wie man die Erkrankung nennt, sondern mit was für einem Problem der Patient zu mir kommt. Der Name dafür erleichtert den Menschen den Zugang zu dieser Erkrankung“, so der Chefarzt. Ursache dafür sei die immer schneller tickende Gesellschaft, die zunehmende Digitalisierung, die für viele Menschen schwierig ist. Ob es einen Anstieg der Diagnosen gebe, wollte er nicht bestätigen, sondern verwies im Gegenteil darauf, dass die Dunkelziffer derer, die tatsächlich Hilfe benötigten, diese aber – aus den verschiedensten Gründen – nicht in Anspruch nähmen, enorm hoch sei. Auf der Woche der seelischen Gesundheit präsentieren sich unter anderem Betroffenenvereinigungen, die wohnortnah Angebote mit niedrigschwelliger Ansprache bieten. „Die finde ich besonders gut. Da stehen Menschen, die sagen: ,Ich bin depressiv‘ und laden zu Gesprächen ein. Das erfordert sehr viel Mut, erleichtert aber anderen, ein erstes Gespräch zu suchen“, so Dr. Daniel Meinecke. Denn: Niemand sei gefeit davor, selbst psychisch zu erkranken, er selbst habe es aber in der Hand, möglichst viel dafür zu tun, dass es ihm gut gehe. „Seelische Gesundheit hat viel damit zu tun, wie man es schafft, mit seinem Leben umzugehen. Die sogenannte „Work-Life-Balance“ ist etwas ganz Wichtiges.“ Neben dem Beruf Ausgleiche schaffen – viel Bewegung, ausgewogene Ernährung und vor allem die stete Pflege von sozialen Kontakten, rät der Mediziner, der seinen Patienten vor allem eines mit auf den Weg gibt: aktiv statt depressiv.

Eröffnet wird die Aktionswoche am kommenden Montag, 19. August, ab 17 Uhr im Ratssaal des Kieler Rathauses, sie endet mit dem Mut-Lauf und dem Markt der Möglichkeiten am Sonnabend, 24. August, von 13.30 bis 19.30 Uhr auf der Moorteichwiese.

Während der gesamten Aktionswoche bietet die unabhängige sozialpsychiatrische Beschwerdestelle in Kiel eine Telefon-Hotline an. Täglich zwischen 15 und 19 Uhr können sich Betroffene, Angehörige und Neugierige mit Fragen und Anregungen kostenlos unter der Tel. 0800/0006764 an Fachleute wenden.vmn

Mehr zum Programm und den Angeboten gibt es unter www.kiel.de/seelische-gesundheit