Lass uns schnacken, hör mal zu!

Die stotternde Theatergruppe Block-Busters tritt im Rahmen des Bundeskongresses „Stottern und Selbsthilfe“ in Neumünster auf. Foto: Thorsten Loeser

Bundeskongress „Stottern und Selbsthilfe“ bietet Gelegenheit zum Austausch

Neumünster. Das Kongressmotto lautet „Lot us snacken, hör mol to“, und es steht für den selbstbewussten Umgang der Betroffenen mit ihrer Sprechbehinderung. Vom 4. bis 6. Oktober findet in Neumünster der 46. Kongress Stottern & Selbsthilfe statt, mit dem die Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe (BVSS) zugleich ihr 40-jähriges Bestehen feiert. Etwa 800.000 Menschen in der Bundesrepublik stottern, kämpfen sich mit Blockaden, Dehnungen, Wiederholungen, oft begleitet von verkrampfter Gesichtsmuskulatur oder ruckartigen Körperbewegungen, durch ihren Sprechalltag. Bei Katja Andresen, die sich seit 25 Jahren im Landesverband Nord der BVSS engagiert, hat es mit fünf Jahren angefangen. Vermutlich hat sie die Veranlagung von ihrem Vater geerbt, auslösend könnte der frühe Tod ihrer Mutter gewesen sein. „Das Stottern erleben die Betroffenen als äußerst peinlich“, beschreibt es Andresen, „sie ziehen sich zurück, verzichten auf Wunschberufe, arbeiten im EDV-Bereich oder Bibliothekarswesen, um nicht viel sprechen zu müssen.“ Nachteile auf der Karriereleiter seien nicht auszuschließen. Ob Vorstellungsrunden oder Telefonate – Stotterer vermeiden Gesprächssituationen oder versuchen das Stottern zu verschleiern. „Um die für mich schwierigen Anfangskonsonanten zu umgehen, habe ich immer mehr Wörter ausgetauscht, mein Wortschatz wurde immer geringer“, erzählt Andresen. Bis Anfang 30 hat sie das durchgezogen und geglaubt, dass es niemand merke. Schließlich hat sie eine Therapie gemacht, zunächst über die Krankenkasse, dann nahm sie ein Angebot der Selbsthilfe wahr und fand so zur BVSS.

Die BVSS und ihre Landesverbände sind ein unabhängiger Interessenverbund für stotternde Menschen. Die BVSS betreibt die einzige bundesweit tätige unabhängige Informations- und Beratungsstelle zum Thema Stottern. Jährlich wenden sich Tausende Ratsuchende und Interessierte mit Fragen zu Therapie, Selbsthilfe, Schule, Beruf und vielem mehr an den gemeinnützigen Verein, der etwa 1400 Mitglieder hat, neben Betroffenen auch Lebenspartner und Eltern.

Der Kongress in Neumünster, für den Oberbürgermeister Dr. Olaf Tauras die Schirmherrschaft übernommen hat, ist öffentlich und bietet allen Interessierten einen Erfahrungsaustausch, aktuelle Informationen mit Workshops zum Kennenlernen unterschiedlicher Sprechtechniken sowie ein attraktives Rahmenprogramm. Andresen freut sich auf Teilnehmer aus ganz Deutschland, darauf „den respektvollen, toleranten Umgang miteinander zu pflegen, aus dem dann diese besondere Atmosphäre entsteht. Es geht uns diesmal besonders um die Kommunikation nach außen, um die Befangenheit im Umgang mit Stotterern abzubauen. Aber natürlich wollen wir auch Stotterer erreichen, damit sie Kontakt zur Selbsthilfe aufnehmen. Stottern ist nicht heilbar, aber man kann es in den Griff bekommen.“ Das damit verbundene Outing entlaste nicht nur den Betroffenen, sondern auch die Gesprächspartner, es mache die Gesprächssituationen angenehmer. Und was wünscht sich ein Stotterer, außer flüssig sprechen zu können? Andresen: „Entspanntes Zuhören, mich aussprechen lassen, Sätze nicht vervollständigen, Blickkontakt halten, und vor allem kein Mitleid. Auf das hören, was ich sage und nicht, wie ich es sage, mich als Person und nicht als Stotterer wahrnehmen.“ kib