Ein Zentrum für die Aufarbeitung der NS-Zeit Landeshauptstadt Kiel will ihre „Erinnerungsorte“ vernetzen, stärken und zu Orten lebendiger Erinnerung machen

In der ersten Etage des ehemaligen Bundesbank-Gebäudes in der Kieler Hopfenstraße soll das Zentrum seine Räume bekommen. Foto: kst

Kiel. Das ehemalige Gebäude der Bundesbank in der Kieler Hopfenstraße 30 soll zu einem Zentrum für die Aufarbeitung der NS-Zeit in Kiel werden. Der bisherige Entwurf des von Bürgermeisterin Renate Treutel geführten Dezernats für Bildung, Jugend, Kultur und kreative Stadt sieht vor, das Zentrum im früheren Kassenbereich in der ersten Etage des Gebäudekomplexes einzurichten. Bereits vorher wird dort das Kieler Stadtarchiv einziehen. Außerdem wird die Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte in diesem Bereich der ehemaligen Bundesbank Räume bekommen. In enger Zusammenarbeit sollen sich diese Institutionen gegenseitig bei ihren Vorhaben unterstützen und gegebenenfalls auch gemeinsame Projekte entwickeln. Schwerpunkt der Arbeit wird die Zeit des Nationalsozialismus sein, die aber auch im historischen Zusammenhang und in Bezug auf ihre Auswirkungen bis in die Gegenwart bearbeitet werden soll. Der gegenwärtige Arbeitstitel des neuen Zentrums lautet darum auch: „Zentrum zur Geschichte Kiels im 20. Jahrhundert“.

Schon länger steht fest, dass der Gebäudekomplex in der Hopfenstraße 30 als „drittes Rathaus“ von der Stadt Kiel genutzt werden soll. Voraussichtlich im vierten Quartal des kommenden Jahres wird das Kieler Stadtarchiv aus den zurzeit sehr beengten Verhältnissen im Kieler Rathausturm in die ehemalige Bundesbank umziehen. Die riesigen klimatisierten Tresorräume, in denen der Archivbestand dort künftig untergebracht werden soll, sind ganz nach dem Geschmack von Stadtarchiv-Leiter Dr. Johannes Rosenplänter. „Würde man die Archivräume dort erst noch bauen, würde man sie so bauen“, sagte er bei der Vorstellung der Pläne im Kieler Rathaus.

Der Archivbestand soll vom künftigen Zentrum für Stadtgeschichte aus zum Beispiel Wissenschaftlern, Studierenden oder auch Schülergruppen für Forschungen und Projektarbeit zur Verfügung stehen. Für solche Arbeiten sieht der Entwurf einen eigenen Raum vor. Daneben ist ein rund 50 Quadratmeter großer Gruppenraum, ein etwa 120 Quadratmeter großer Veranstaltungsraum, und eine gut 300 Quadratmeter große Fläche für eine Dauerausstellung vorgesehen. Dem Zentrum soll aber kein rein „museales Konzept“ zugrunde liegen, wie Prof. Gerhard Fouquet von der Bürgerstiftung Gedenkstätten in Schleswig-Holstein betont. Die Bürgerstiftung gehört zu den Institutionen und Fachleuten, die als „Begleitausschuss“ an der Entwicklung des neuen Zentrums beteiligt sind. Fouquet betonte, dass das neue Zentrum für Geschichte eine „lebendige Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Geschichte“ ermöglichen soll. Eigens dafür soll das Zentrum auch einen rund 80 Quadratmeter großen Raum für Wechselausstellungen bekommen, in dem zum Beispiel Arbeitsergebnisse von externen Initiativen, studentischen Projekten oder auch Schülerprojekten gezeigt werden können.

Bereits vorhandene Initiativen oder Institutionen wie der Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus (AKENS) oder der Flandernbunker des Vereins Mahnmal Kilian sollen das Zentrum zur Vernetzung, Zusammenarbeit und Forschung nutzen können. Darüber hinaus soll das Zentrum dazu beitragen, bisher kaum beachtete Erinnerungsorte wie das ehemalige KZ in Kiel-Russee, das Marineuntersuchungsgefängnis in der Wik, den Wilhelmplatz als Ort von Bücherverbrennungen oder auch das Schloss als Dienstsitz des Gauleiters stärker in den Fokus zu nehmen und weitere, bisher unbekannte Orte sichtbar zu machen, die in der NS-Zeit eine Rolle spielten.

Allerdings wird es bis zur Eröffnung des Zentrums noch eine Weile dauern. Da zunächst das Stadtarchiv umziehen muss, was voraussichtlich erst gegen Ende des kommenden Jahres passieren kann, wird vor 2021 damit wahrscheinlich nicht zu rechnen sein. kst