Dicke Pötte an der Steckdose

Beim Bogen des Buchstaben „n“ an der Schiffswand ist die Klappe mit der Steckdose, an die der Stecker der Landstromanlage „andockt“. Foto: Annette Göder

Erste Landstromanlage soll Schadstoffausstoß von Schiffen im Hafen verringern

Kiel. Ein Knopfdruck – und schon bewegte sich der Stecker der Größe XXL, an dem Leitungen hingen, vom Schaltkasten am Norwegenkai automatisch nach oben, immer an der Schiffswand der „Color Fantasy“ entlang. Die Gäste aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung blickten gebannt hoch. Dann fand der fast einen halben Meter lange Stecker seinen Weg in die ebenfalls überdimensionale Steckdose am Schiff. Daraufhin war – aus Anlass dieses besonderen Augenblicks – ein lautes Tuten der Fähre zu vernehmen. Die erste Landstromanlage für Passagierschiffe in Kiel ist in Betrieb genommen worden.

Die „Color Fantasy“ und das Schwesterschiff „Color Magic“ liegen abwechselnd täglich vier Stunden im Kieler Hafen, bevor sie sich wieder auf die Reise nach Oslo machen. Bislang haben sie in dieser Zeit ihre Dieselmotoren laufen lassen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Denn die Monitore im Kontrollraum, die Küche, Wäscherei, Reinigungsgeräte wie zum Beispiel Staubsauger – sie alle benötigen auch im Hafen Energie.

Doch während die Dieselmotoren laufen, geben sie Schadstoffe an die Luft ab. Mit der Debatte über die Luftverschmutzung durch Dieselfahrzeuge sind auch die Schiffsabgase ins Blickfeld gerückt. Die neue Anlage an Land soll nun Strom zur Verfügung stellen, sodass die Dieselmotoren während der Liegezeiten gedrosselt werden können und weniger Schadstoffe ausstoßen.

Für die Landstromanlage mussten unterirdisch Leitungen von Hornbach bis zum Norwegenkai gelegt werden, informierte Seehafen-Sprecher Ulf Jahnke. Insgesamt 1,2 Millionen Euro wurden alles in allem ausgegeben, das Land hat einen Zuschuss von 400.000 Euro gewährt.

Doch es gibt ein Problem: Wenn das Schiff seine Dieselmotoren laufen lässt, ist dies billiger, als Landstrom zu beziehen. Der Geschäftsführer der Color Line in Kiel, Dirk Hundertmark, wollte sich nicht festlegen, in welchem Ausmaß die Reederei den Landstrom in Kiel denn tatsächlich nutzen wird. Der relativ hohe Strompreis in Deutschland liegt auch an der EEG-Umlage, das heißt dem Betrag, der aufgrund des Erneuerbaren-Energie-Gesetzes hierzulande fällig wird. Mit der Umlage soll Ökostrom gefördert werden. „Wir werden auf Bundesebene den Weg frei machen, um Landstrom konkurrenzfähig zu machen“, sagte Norbert Brackmann, zuständig für die maritime Wirtschaft in Deutschland. Möglich wäre unter anderem, die EEG-Umlage für Häfen zu senken. Oberbürgermeister Ulf Kämpfer beschrieb das ehrgeizige Ziel der Stadt so: „Wir wollen der ökologischste und nachhaltigste Hafen Europas werden.“ Dazu passt, dass in einem Jahr eine noch größere Anlage Kreuzfahrtschiffe am Ostseekai und die Fähren der Stena Line am Schwedenkai während ihrer Liegezeiten mit Strom versorgen soll. Die Kosten für dieses Projekt betragen etwa 13,5 Millionen Euro. göd