Born for the Bahn

Mehr seitlich als geradeaus: Bei den Rennen driftet Norick mit gut 80 km/h um die langgezogenen Kurven der Sandbahn. Foto: Matthias Lehmann

Der jüngste deutsche Speedway-Bundesliga-Fahrer wohnt in Flintbek

Flintbek. Norick Blödorn ist sicher eines der größten Motorrad-Rennsport-Talente weit und breit. Was der Flintbeker schon an Titeln abgeräumt hat, könnte man hier kaum aufzählen. Am Fußende seines Bettes steht das Motorrad, mit dem er im vergangenen Jahr Speedway-Weltmeister in der Klasse 85 Kubikzentimeter wurde, an der Wand hängt die gerahmte Urkunde dazu. Seit knapp zwölf Jahren fährt Norick Motorrad. Jetzt ist er 15, amtierender Europameister und gerade erst mit der Speedway-Bundesligamannschaft des MSC Brokstedt Deutscher Meister in der 500er-Klasse geworden.

Es gibt ein Foto aus der Zeit kurz vor dem Kindergarten. Darauf ist Norick mit seinem Laufrad zu sehen, das wie ein Motorrad aussieht, und zwar gut einen halben Meter über dem Boden – abgehoben von einer selbst gebauten Rampe im elterlichen Garten. „Damals wollte ich Freestyler werden“, erzählt Norick. Freestyler sind die, die in Hallen mit ihren Crossmaschinen knapp unter dem Hallendach Salti und Schlimmeres machen. Für Noricks Mutter Maja eine Horrorvorstellung. Sie und ihr Mann Guido sind heilfroh darüber, dass Norick nun doch den Sport ausübt, der quasi Familientradition ist. Majas Vater und Bruder sind Speedway gefahren und Noricks Vater Guido auch. „Wir sind seit bestimmt 30 Jahren immer schon auf der Rennbahn in Brokstedt gewesen, damit sind wir ja praktisch groß geworden“, sagt Guido. Am Ende eines Renntages lieh sich Guido oft eine der Maschinen, setzte Norick drauf und schob ihn eine Runde um die Bahn – auch davon hängt bei Familie Blödorn ein Foto an der Wand. „Mit drei Jahren habe ich zu Weihnachten mein erstes Motorrad bekommen: eine Yamaha PW 50. Die haben wir auch noch“, erzählt Norick.

Weil er ja unbedingt Freestyler werden wollte, musste Norick erstmal Cross-Rennen fahren. Mit fünf Jahren fing er damit an. Ab acht Jahren fuhr und trainierte er auch in Dänemark. Schon in dieser Zeit fuhr Norick einen Erfolg nach dem nächsten ein. Bis er sich am Rande eines Rennens in Brokstedt das erste Mal auf eine Speedwaymaschine setzte und Gefallen daran fand. Anfang 2013 baute Vater Guido das erste Motorrad für ihn zusammen. „Das ging ganz schnell“, sagt Norick und grinst. Schnell wuchs seine Begeisterung für das Bahnrennen – oder international: „Speedway“. „Beim Motocross hat man zwei Starts am Tag, nach dem Start zieht sich das Feld auseinander, und jeder fährt für sich. Beim Speedway hat man viel mehr Starts, alles ist enger zusammen, und da ist viel mehr Action. Man hat keine Bremsen und muss vor allem in der ersten Kurve voll reinhalten. Da kann es schon mal sein, dass sich zwei Motorräder ineinander verhaken, dann muss man es eben hinkriegen, sich wieder zu enthaken“, erklärt Norick.

In der 85-Kubikzentimeter-Klasse fuhr Norick in der dänischen Liga so erfolgreich wie noch kein Deutscher vor ihm. Zur WM 2019 konnte er nach einem Sturz nicht antreten, hätte aber sicher wieder große Chancen auf den Titel gehabt. 2018 fing Norick an, parallel in der 500er-Klasse zu fahren. Das Feintuning seiner Motorräder hat inzwischen der bekannte Speedway-Fahrer „Matten“ Kröger übernommen. Die dänische Speedway-Legende Ole Olsen hatte sich schon vor Jahren gewünscht, dass Norick auch später in Dänemark fährt. Das passiert jetzt wirklich: Ab der kommenden Saison startet Norick mit der 500er in der dänischen Liga. Im Speedway-Verein im dänischen Vojens ist der 15-Jährige schon jetzt als Stammfahrer gesetzt, während sich seine dänischen Teamkollegen noch qualifizieren müssen.

Längst hat er verinnerlicht, was sein Vater ihm beigebracht hat. Norick spürt seine Maschine und sagt an, welches Ritzel, welche Vergaserdüse und welchen Reifendruck er für die jeweilige Rennsituation braucht. „Da ist Norick inzwischen der Boss“, sagt sein Vater. Dass Norick Profi werden will, ist klar. Weil der Einstieg in die 500er-Klasse teuer ist, sieht sich die Familie inzwischen nach Sponsoren um. Wenn der 15-jährige Junge Norick in der Küche seiner Eltern sitzt und sagt: „Ich will den Grand Prix und Weltmeister werden“, klingt das ganz und gar nicht unrealistisch. Allerdings muss er da noch Altersgrenzen beachten. Und sein Abitur machen – darauf bestehen seine Eltern Guido und Maja. Jan Köster