Aus Untertanen wurden Bürger In der Waimarer Republik gründete Kiel seine Volkshochschule und städtische Kitas

Kuratorin Eva-Maria Karpf (li.) und Bürgermeisterin Renate Treutel stellten gemeinsam die neue Ausstellung im Warleberger Hof vor.

Kiel. Vor 100 Jahren, am 15. November 1919, wurde die Kieler Volkshochschule gegründet. 1920 kam erstmals ein Kindertagesheim in städtische Trägerschaft. Anlässlich dieser beiden Jubiläen zeigt das Kieler Stadtmuseum Warleberger Hof im Obergeschoss die Ausstellung „Aufbruch. Neue Bildungs- und Sozialpolitik im Kiel der Weimarer Republik“.

Für die Kunsthistorikerin Eva-Maria Karpf, die die Ausstellung kuratiert hat, war deren Aufbau zumindest am Anfang eine echte Herausforderung, wie sie erzählt: „Zu den städtischen Kitas gibt es kein Archiv und fast keine Bilder. Aber Vhs-Programme gab es noch, damit konnte man auf jeden Fall schon mal anfangen.“ Immerhin zwei Originalfotos aus den Gründungsjahren der Kieler Kitas hat sie doch noch gefunden. Dazu aber auch weitere Bilder aus ähnlichen Kitas der Zeit und eine Menge mehr Material wie Broschüren, Bücher, Kunst- und Alltagsgegenstände aus der Zeit der Weimarer Republik. Dank ihrer Vielfalt können die Besucher ihre ganz individuellen Zugänge in die Zeit vor 100 Jahren finden und so verstehen, wie sehr die Gesellschaft damals im Umbruch war und warum die Gründung der Volkshochschule und auch der Aufbau einer städtischen Kinderbetreuung zu dieser Zeit geradezu logisch waren.

Denn das Ende des Ersten Weltkriegs und die Einführung der Demokratie brachten für Deutschland viele gesellschaftliche Veränderungen mit sich. Aus Untertanen sollten mündige Bürger werden, die politische Entscheidungen mittrugen. Bei diesem Prozess kam der Erwachsenenbildung eine wichtige Rolle zu, eine Aufgabe, die die neu gegründete Volkshochschule übernahm. Bemerkenswert ist, dass hier Stadtverwaltung, Universität und Gewerkschaften an einem Strang zogen. Wissenschaftler und Lehrer gaben Kurse zu allen gesellschaftlich relevanten Themen. Hier zeigt sich ein intellektuelles Kieler Netzwerk, in dem sich auch viele bekannte Namen finden, zum Beispiel der spätere Oberbürgermeister Andreas Gayk, die Kunsthistorikerin Lilli Martius, der Maler Heinrich Blunck oder der Rabbiner Arthur Posner.

Ein Ziel der Weimarer Verfassung war der Sozialstaat. Wohlfahrts-, Gesundheits- und Jugendamt wurden neu aufgestellt, Erwerbslosenfürsorge und Arbeitslosenversicherung eingeführt. Die Fürsorge für Kinder bekam einen neuen Stellenwert.

Kindertagesheime gab es in Kiel bereits seit 1839. Sie waren von gemeinnützigen Trägern eingerichtet worden, etwa der Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde oder dem Marine-Werft-Frauenverein. Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm die Stadt zwei Kindertagesheime und richtete selbst zwei weitere ein. Damit konnte sie Standards bei der Kinderbetreuung setzen. Sie finden sich wieder im Lehrplan des städtischen Kindergärtnerinnenseminars, das 1926 gegründet wurde. Damals ging es allerdings nicht darum, für jedes Kind einen Kindergartenplatz anzubieten. Stattdessen sollten arbeitende Mütter entlastet werden, was vor allem die Arbeiterfamilien betraf. So ist es kein Zufall, dass sich das erste städtische Kindertagesheim in der Kaiserstraße 2 befand, auf einem Grundstück der Deutschen Werke. Es zog später in die Kaiserstraße 100, wo noch heute eine Kindertageseinrichtung besteht.

Über die beiden Jubiläen hinaus weitet die Ausstellung den Blick auf das Kiel in der Weimarer Republik. Die Umstellung auf Friedensproduktion, die Gründung der Kieler Kunst-Keramik, Herbstwochen und Messen sind ebenso Thema wie die Auswirkungen von Inflation und Weltwirtschaftskrise.

Die Ausstellung ist noch bis zum 26. Januar 2020 im Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum Warleberger Hof, Dänische Straße 19 in Kiel zu sehen. Informationen unter Tel. 0431/9013425. Zu dieser Ausstellung gibt es online ein umfangreiches Rahmenprogramm, das unter www.kiel-museum.de zu finden ist.