Am Anfang war Wildwest

Aus der ehemaligen Industriebrache in Dietrichsdorf ist ein maritimer Campus für aktuell rund 7000 Studierende geworden, der auch mit seiner Lage direkt an der Schwentinemündung punkten kann. Foto: Ulf Dahl

Die FH Kiel wird 50. Seit 23 Jahren wächst sie am Standort Dietrichsdorf

Kiel. Die Fachhochschule Kiel feiert ihren 50. Geburtstag – eine Hauptveranstaltung dabei war in dieser Woche ein buntes Campusfest mit zahlreichen Mitmach-, Ausprobier- und Vorstellungsaktionen der verschiedenen Fachbereichen, die deutlich machten, wie weit sich die Fachhochschule Kiel seit ihrer offiziellen Gründung weiterentwickelt hat.

Schleswig-Holstein war das erste Bundesland, das ein Gesetz für die Gründung von Fachhochschulen vorstellte. Am 1. August 1969 trat es in Kraft, somit ist dieses Datum der eigentliche Geburtstag der Fachhochschule Kiel. Verschiedene Lehranstalten des Landes wurden zunächst unter dem Dach der neuen Fachhochschule zusammengefasst, unter anderem auch die Fachhochschule für Gestaltung, die heute als Muthesius-Kunsthochschule wieder eigenständig ist. Zunächst war die neue FH über zahlreiche Standorte verstreut und ihre Struktur blieb im Wandel. So wurde zum Beispiel der Studiengang Textiltechnik in Neumünster Mitte der 1970er Jahre wieder eingestellt und der Neumünsteraner Standort geschlossen. Von Anfang an musste die neue Hochschule ihr Profil überdenken: Warum sollte sie in Konkurrenz zu Universitäten für Abiturienten interessant sein? Die Antwort gab der damalige Regierungsrat Schoepke: „Studium und Abschluss einer Fachhochschule dürfen nicht minderer Art und Güte sein, sondern anderer. Die Fachhochschule soll also ein gleich gutes, aber ein Kontrastprogramm liefern.“

Ein großer und schwerer Schritt war der Umzug auf das Kieler Ostufer. 1989 beschloss die damalige Landesregierung, die über ganz Kiel verstreuten Einrichtungen der FH auf dem Gelände einer Industriebrache in Kiel-Dietrichsorf zu bündeln. Die Großunternehmen HDW, Hell und Steffen Sohst hatten ihre Produktions- und Verwaltungsstätten dort aufgegeben. Massenhaft Dietrichsdorfer hatten auf der Suche nach einer neuen Lebensgrundlage den Stadtteil verlassen. Die neu angesiedelte Fachhochschule sollte das Sterben des Stadtteils aufhalten. FH-Angehörige, die damals die allerersten Schritte der Fachhochschule auf dem Ostufer begleiteten, erinnern sich an „wildwestartige“ Zustände auf dem Areal: Jugendliche seien dort mit geklauten Autos herumgefahren, die sie anschließend in Brand gesteckt hätten. Als mit Lärm und Dreck die Renovierungsarbeiten begannen, hängten offenbar genervte Anwohner Transparente mit der Aufschrift „Hochschule? Nein Danke!“ aus ihren Fenstern.

Zunächst wurden eine vorhandene Nutzfläche von 17.000 Quadratmetern im ehemaligen Verwaltungshochhaus von HDW, im Nachbargebäude und in einem ehemaligen Gebäudekomplex der Rudolf-Hell KG für den FH-Betrieb hergerichtet. 1996 zogen dann die Verwaltung der FH und der Fachbereich Wirtschaft und Sozialwesen ein. Weitere Gebäude wurden neu gebaut. Unter anderem 1998 das kleine Hörsaalgebäude in der Luisenstraße, 2001 wurde das große Hörsaalgebäude freigegeben. Es folgte das Gebäude für das internationale Zentrum.

Seit Februar laufen die Bauarbeiten für das neue vierstöckige „Bibliothekarische Lernzentrum“, ein sechsstöckiges Parkhaus mit 500 Plätzen ist derzeit im Gespräch.

Und noch etwas brachte die Fachhochschule auf die damalige Industriebrache in Dietrichsdorf mit: Kulturangebote. Die Sternwarte auf dem ehemaligen HDW-Hochhaus, das Planetarium „Mediendom“, das 2003 eröffnete. Das Computermuseum, das in einem umgebauten Hochbunker eröffnete, das Kulturzentrum „Bunker D“ ist ein weiterer umgebauter Hochbunker, der heute eine Kneipe, ein Café, ein Kino und eine Galerie beherbergt, in der in jedem Jahr acht wechselnde Ausstellungen zu sehen sind. In den Gebäuden und auf den Freiflächen des Campus’ ist mittlerweile eine Kunstsammlung entstanden, die über 700 Werke umfasst.

Heute studieren mehr als 7000 junge Menschen an der FH, das Studienangebot wird mit dem Anspruch der Anwendungsnähe stetig aktualisiert, viele Studierende wohnen inzwischen in Dietrichsdorf. Insgesamt sieht FH-Präsident Prof. Dr. Udo Beer zum 50. Geburtstag erste Erfolge, aber auch noch Handlungsbedarf: „Die Fachhochschule ist ohne Zweifel im Unterland von Dietrichsdorf angekommen und stellt dort ein kulturelles Kraftzentrum dar. Nun gilt es, in den nächsten Jahren das Oberland stärker in die Aktivitäten der Hochschule einzubeziehen. Hierzu gehört es auch, dass noch mehr Studierende nach Dietrichsdorf ziehen sollten. Dietrichsdorf bietet: kurze Wege zu den Stränden, die Antwort auf die Parkplatznot auf dem Campus, günstige Mieten, eine schöne Natur und vieles mehr.“