Hammersound in der elften Etage

In der elften Etage steht das Gestühl mit den fünf Glocken des Rathausturms wenig spektakulär in einer Ecke. Doch wenn die elektrischen Hämmer sie abschlagen, reicht der Sound weit über Kiel. Foto kst

Der Kieler Rathausturm ist fertig saniert – auch die Glocken läuten wieder

Kiel. Jetzt kriegen sie wieder alle 15 Minuten Strom, die Elektromagnete, die die Hämmer im Geläut des Kieler Rathausturms bewegen. Während der Turm saniert wurde, liefen die Uhren nicht, und die fünf Glocken in der elften Etage des Bauwerks blieben still. Jetzt, rund ein Jahr nach dem Beginn der Arbeiten, sind alle Gerüste um den Turm wieder abgebaut, die vier großen Uhren zeigen wieder synchron die richtige Zeit an, die Zeiger sind saniert, und zahlreiche Steine des vergoldeten venezianischen Glasmosaiks der Ziffernblätter sind ausgetauscht. Und das Glockenspiel spielt wieder „Kiel hat kein Geld, das weiß die Welt. Ob’s noch was kriegt, das weiß man nicht.“ Am 28. Mai 1911 war die Melodie zum ersten Mal über Kiel zu hören – sechs Monate vor der Einweihung des damals neuen Kieler Rathauses. Der damalige Kieler Oberbürgermeister Paul Fuß hatte den Königlichen Musikdirektor Heinrich Johannsen mit der Komposition einer Melodie beauftragt. Johannsen wählte dafür die gleichen vier Töne, die auch aus dem Glockenturm des „Big Ben“ in London zu hören sind. Wie die Melodie zu ihrem etwas spöttischen Text kam, ist nicht wirklich belegt. Der Bau des Rathauses war mit vier Millionen Reichsmark so teuer, dass er Kiel in damals ungewohnte Geldknappheit warf. Noch im Einweihungsjahr des Rathauses muss der Vers quasi im Volksmund entstanden sein.

Die jetzt abgeschlossene Sanierung des Rathausturms hat nach Angaben der Stadt geplante 3,2 Millionen Euro gekostet. Vor allem die roten Backsteinziegel und die großen Sandsteinverzierungen hatten Schäden, aber auch die Aussichtsplattform im 14. Stock musste erneuert werden. Nur das Kupferdach brauchte nicht neu gedeckt zu werden. Hinter den 2850 Quadratmetern Folie an dem 75 Meter hohen Gerüst rund um dem Turm entdeckten der von der Stadt beauftragte Architekt Günter Szymkowiak und die Arbeiter zahlreiche Schäden, die vorher noch nicht zu sehen gewesen waren. Insgesamt ersetzten sie allein mehr als 37 Kilometer waagerechte Fugen (plus die dazugehörigen senkrechten), 2048 Ziegel wurden komplett ersetzt, mehr als 1000 Quadratmeter Sandstein wurden gereinigt. Bröckelnde Sandsteinoberflächen wurden mit 330 Litern Kieselsäureester wieder befestigt. Zu den Sandsteinelementen, die ganz ersetzt wurden, gehören auch vier der großen „Eier“ auf dem Geländer der umlaufenden Aussichtsplattform. Durch das Entfernen einer Wulst an der inneren Geländerseite ist dort jetzt sogar etwas mehr Platz. Vorher konnten sich zwei Erwachsene kaum aneinander vorbei schieben. Die Plattform ist schon seit der Kieler Woche 2018 wieder geöffnet.

Auch an den Uhren an allen vier Seiten des Rathausturms wurde gearbeitet. Dabei wurden alle acht Turmuhrzeiger saniert, und an den Zifferblattrücklagen wurden mehr als zehn Kilogramm des venezianischen vergoldeten Glasmosaiks ausgetauscht. kst