Ein mündiges Volk braucht Bildung

Landesverband: Nach Kriegsende liefen die meisten Volkshochschulkurse in Schulgebäuden – oft ohne Heizung. Foto: Vhs

Viele Volkshochschulen im Land feiern in diesem Jahr 100. Geburtstag

Preetz/Kiel. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und nach der Novemberrevolution 1918 war die Zeit in Deutschland reif für mehr Bildung für das Volk. Der Haenisch-Erlass des Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung befasste sich mit dem Thema, und die Einrichtung der Volkshochschule wurde sogar Teil der Weimarer Reichsverfassung. Die meisten Volkshochschulen wurden im Jahr 1919 gegründet. 135 davon liegen im heutigen Bundesgebiet und feiern in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag. Unter dem Motto „100 Jahre Wissen teilen“ sind auch die heutige Förde-Vhs in Kiel und die Vhs in Preetz dabei.

Prof. Peter Rautenberg aus dem Vorstand der Vhs Preetz hat sich anlässlich des Jubiläums mit der Geschichte der Einrichtung in Preetz beschäftigt: „Vom Vorsitzenden des Kreisausschusses erhielt Bürgermeister Dr. Krug Anfang 1919 den Auftrag, „im künftigen Winter in Preetz Volkshochschulkurse abzuhalten.“ Begründer und erster Leiter der Vhs Preetz wurde Mittelschulrektor Heinrich Wolze. Das erste Programm entstand mit Einzelvorträgen unterstützt durch die im Vorjahr entstandene Schleswig-Holsteinische Universitätsgesellschaft. Thema des ersten Vortrags am 12. September 1919 im Hotel „Stadt Hamburg“ war „Sozialismus im Altertume“.“ Zwischen 1920/21 und 1946 pausiert die Vhs Preetz. Wiederbelebt wird sie nach Genehmigung durch die britische Militärregierung von Hedwig Matthias. Ihr Vhs-Arbeitsplan von 1946 umfasste viele Bereiche, darunter auch Praktisches wie Säuglingspflege, Geflügelzucht und Imkerei. Ein Schwerpunkt wie schon nach dem ersten Weltkrieg lag auf der Schließung der Lernlücken mit „richtigem Deutsch, Englisch, Rechnen, Buchführung“. „Besonders die Jugend von 18 bis 25 Jahre wollte man ansprechen“, so Rautenberg. Heute nutzen allein in der Vhs Preetz etwa 1550 Teilnehmer die jährlich 290 Kurse. Der Anteil der Frauen: 80 Prozent. 1919 waren es 30 Prozent, 1946 war das Geschlechterverhältnis ausgeglichen. Besonders angesprochen fühlen sich die 35- bis 64-Jährigen, Themen aus Kultur und Gesundheit sowie Sprachen aber auch die „junge Vhs“ mit Tanzwerkstatt und Musikangeboten boomen.

Gründer der Kieler Volkshochschule waren die Universitätsprofessoren Hermann Heller und Gustav Radbruch, der später in der Weimarer Republik Justizminister war. Zu Beginn setzte die Kieler Vhs drei Schwerpunkte: Berufliche Bildung (insbesondere zur Eingliederung von Kriegsteilnehmern), politische Bildung und musische und kulturelle Bildung. In den ersten Jahren waren die sogenannten Studienleiter häufig Professoren der Universität. Das erste Programm der Kieler Vhs enthielt 57 Angebote, das aktuelle Programm der Förde-Vhs umfasst mehr als 1000 Angebote. 1933 wurde im Zuge der Gleichschaltung auch die Kieler Vhs in eine nationalsozialistische Volksbildungsstätte umgewandelt. 1946 wurde sie auf den Grundsätzen von 1919 neu gegründet.

Für ihr Jubiläumsjahr hat die Kieler Förde-Vhs eine Reihe von besonderen Veranstaltungen geplant. Den Anfang macht das Familien-Kunstfest am kommenden Sonntag, 10. Februar, ab 11 Uhr im neuen Rathaus, Andreas-Gayk-Straße 31 in Kiel: Neben Kinderkino mit „Rico, Oscar und die Tieferschatten“, einer literarischen Lounge mit Barney Hallmann im Statt-Café und zahlreichen Kunstaktionen für die ganze Familie ist auch eine Fotoaktion zum Jubiläum „100 Jahre Vhs Kiel“ geplant. kib