Wo fängt die Wirklichkeit an?

Um Spiegelungen und Doppelungen, Wahrnehmung, Wirklichkeit Original und Kopie geht es in der aktuellen Ausstellung "Right here, right now!" in der Kieler Kunsthalle. Foto: kst

Ausstellung „Right here. Right now.“ spielt mit Spiegelungen und Doppelungen

Kiel. Fast immer gilt: Man setzt sich nicht auf Kunstwerke! Jeppe Heins „Hot Bench“ ist eine Ausnahme: Der gepolsterte Edelstahl-Sitzklotz vor dem großen Spiegel fordert die Besucher der neuen Ausstellung „Right here. Right now.“ in der Kieler Kunsthalle geradezu auf, Platz zu nehmen – fast augenblicklich hüllt der Sitz den Besucher in Theaternebel, der die eben noch gespiegelte Weite des Raumes und das eigene Spiegelbild in weißem Dunst verschwimmen und verschwinden lässt.

Spiegelungen und Dopplungen sind das verbindende Thema der rund 30 ganz verschiedenen Werke dieser Ausstellung. Der aus Dänemark stammende und in Berlin arbeitende Künstler Jeppe Hein ist im aktuellen Jahr der deutsch-dänischen kulturellen Freundschaft sozusagen der Gast-Star. Viele Kinder haben im Kieler Hiroshimapark schon Spaß mit seinem interaktiven Springbrunnen „Changing invisibility“ gehabt, den Jeppe Hein erstmals 2004 dort aufbaute. Vier Werke des Künstlers fordern die Besucher jetzt im ersten großen Raum der Kieler Kunsthalle zur Interaktion auf – das lässt sich auch gar nicht vermeiden, denn wer eines der spiegelnden Werke betrachtet, wird automatisch Teil davon. Das gilt für das erst in diesem Jahr entstandene „World in your Eyes“: eine langsam rotierende Spiegelscheibe mit leicht unterschiedlich geneigten und geformten Facetten. Wer in diesen Spiegel blickt, sieht sich und die Welt in ständiger Veränderung.

Die neue Ausstellung stellt Jeppe Heins Arbeiten in einen Zusammenhang mit ganz unterschiedlichen anderen Werken anderer Künstler, die mit Spiegelungen und Doppelungen arbeiten. So hat eine Overheadprojektor-Projektion von Max Sudhues ebenso ihren Platz in der Ausstellung wie das kleine Doppelporträt der fast identisch aussehenden Geschwister Spiegelhalter, das Carl Rudolph Fiebig etwa 1840 malte.

Das zentrale Werk der Ausstellung ist aber die große begehbare Installation „Weltenlinie“ von Alicia Kwade, in der sie Gegenstände und deren sehr ähnliche Kopien auf besonders raffinierte Weise mit großen Spiegelwänden kombiniert. Je nachdem, wo ein Besucher steht, stehen sich Original und Spiegelbild gegenüber oder Original und Kopie, und wenn man einen Moment später an einer anderen Stelle steht, scheinen Kopie und Spiegelbild ineinander überzugehen. Je mehr man sich bemüht, diesen syrrealen Raum zu erfassen, desto verwirrender wird er. kst

Noch bis 24. Januar in der Kunsthalle zu Kiel, Düsternbrooker Weg 1, zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Mittwoch von 10 bis 20 Uhr. Führungen (nur mit vorheriger Anmeldung): jeweils Mi, 18 Uhr sowie So 11.30 und 16 Uhr. Tel. 0431/8805756. Eintritt: 7, erm. 4 Euro. www.kunsthalle-kiel.de