Wenn dieser Stoff reden könnte

Seit ihrer umfangreichen Restaurierung ist die alte Gildefahne in einer speziell dafür angefertigten Vitrine im Kreismuseum zu sehen. Foto: Kreismuseum Plön

„Welches Stück in Ihrem Museum ist Ihr persönliches Lieblingsstück und warum?“ – Diese Frage beantworten die Leiterinnen und Leiter von Museen aus dem Verbreitungsgebiet des Kieler Express’ in einer kleinen Artikelserie. In Folge 7: Julia Meyer, Leiterin des Museums des Kreises Plön mit norddeutscher Glassammlung.

Plön. Ein Lieblingsstück aus der umfangreichen Sammlung des Kreismuseums Plön auswählen? Für Julia Meyer gar nicht einfach. Entschieden hat sie sich schließlich für die älteste erhaltene Fahne der Plöner Schützengilde, die die Gilde 1738 von Herzogin Christine Armgard als Geschenk bekam. Die Herzogin selbst war ebenso wie ihr Mann Herzog Friedrich Carl Mitglied der Gilde. Der Herzog war 1731 und 1755 sogar Schützenkönig. Die 150 mal 175 Zentimeter große Fahne ist beidseitig bemalt. Im Museum nicht zu sehen, ist die Seite mit den Wappen von Schleswig-Holstein und Plön. Die Schau-Seite in der Museumsvitrine zeigt die goldenen Buchstaben FC und CA für Friedrich Carl und Christine Armgard. Die Buchstaben werden unter anderem eingefasst durch goldene Palmenwedel im unteren Bereich und im oberen Bereich durch eine reich verzierte Krone. Fransen aus goldenen Metallfäden säumen den Stoff.

„Die Fahne fasziniert mich nicht nur aufgrund ihrer kunstvollen Bemalung, sondern auch wegen ihrer im wahrsten Sinne bewegten Vergangenheit. Bei einer Vielzahl von Festivitäten wurde sie bei Wind und Wetter durch den jeweiligen Fähnrich der Gilde durch die Stadt getragen, und könnte sie sprechen, hätte sie bestimmt einige unterhaltsame Geschichten von den Gildefesten zu erzählen“, sagt Julia Meyer.

Bereits als die Fahne 1956 von der Gilde an das Museum übergeben wurde, war sie allerdings so brüchig, dass sie nicht mehr verwendet werden konnte – gut 200 Jahre und der jährliche Einsatz bei Wind und Wetter hatten schon damals ihren Tribut gefordert. Doch dem Museum fehlte lange das Geld für eine Restaurierung, und der Zustand der Fahne wurde mit den Jahrzehnten nicht besser. Als vor einigen Jahren die Fahne schließlich auf Anfrage des „Adjudanten der Gilde“ einmal wieder entrollt wurde, zeigte sich, wie stark das historische Stück inzwischen schon verrottet war.

Die finanzielle Unterstützung durch den heutigen Schlossherren Günther Fielmann machte 2009 die professionelle Restaurierung der alten Fahne möglich. Fünf Monate lang kümmerte sich die Diplomkonservatorin für Leder und Textilien Rosemarie Selm um Staub und Flecken, verrostete Nägel und um die teilweise schon zu Pulver zerfallenen Fäden des alten Seidenstoffs. Seitdem ist die restaurierte Fahne in einer eigens konstruierten Vitrine im „Gilderaum“ des Museums zu sehen.

Den Adjudanten hat Julia Meyer 2010 geheiratet. „Wir haben uns gemeinsam um die Fahne gekümmert und wurden 2009/2010 Königspaar der Plöner Schützengilde“, erzählt die Museumsleiterin. „Die Konservierung der Fahne bedeutet uns viel. Unser privates Autokennzeichen trägt die Jahreszahl 1738, das Schenkungsjahr der Fahne durch das Herzogspaar“, sagt Julia Meyer. kst