Vermittlerin zwischen Kulturen

Mit ihrer Arbeit hilft Idun Hübner geflüchteten Menschen, auch kulturell in Deutschland anzukommen. Foto: kst

Landeshauptstadt Kiel zeichnet Idun Hübner mit der Andreas-Gayk-Medaille aus

Kiel. Idun Hübner mag es, Menschen ganz direkt zu helfen – nein, „helfen“ ist nicht ganz das richtige Wort: In ihrer Arbeit für den Kieler Verein „Zentrale Bildungs- und Beratungsstelle für Migrant*innen“ (ZBBS) geht es vor allem um „empowering“, das ist eher Hilfe zur Selbsthilfe. In zahlreichen Projekten hat sie geflüchtete Menschen dazu gebracht, hier in der für sie fremden Umgebung ein bisschen Mut zu fassen und auch Vertrauen in sich selbst. Für ihre Arbeit mit Geflüchteten ist Idun Hübner jetzt mit der Andreas-Gayk-Medaille ausgezeichnet worden, das ist nach der Ehrenbürgerschaft die zweithöchste Auszeichnung, die die Landeshauptstadt Kiel zu vergeben hat. Allerdings: Die eigentliche Verleihung hat Corona erst einmal ausgebremst. Denn die soll im Rahmen einer Sondersitzung der Ratsversammlung erfolgen, und die ist mit den nötigen Abständen zwischen allen Teilnehmenden im Moment kaum zu organisieren – ein Termin steht noch nicht fest.

Egal. Idun Hübner kann sich freuen: „Dass jemand, die sich für Geflüchtete einsetzt, die Medaille bekommt, finde ich gerade jetzt schön, wo die Grenzen für Flüchtende dicht sind und auch an Beispielen wie Moria die Unfähigkeit Europas sichtbar wird, eine Lösung zu finden. Das ist auch eine Auszeichnung für die ZBBS insgesamt.“

Geboren wurde sie zu Zeiten der Apartheid in Südafrika

Dass Idun Hübner heute macht, was sie macht und darin Erfüllung findet, wirkt bei dem, was sie schon erlebt hat, fast logisch. Als sie 1962 in Port Elizabeth geboren wird, regelt die Apartheid in Südafrika noch die strikte Trennung zwischen den privilegierten, das Land beherrschenden Weißen und den erheblich schlechter gestellten Schwarzen. Ihre Mutter war Südafrikanerin, deren Mutter es noch ganz normal fand, schwarze Dienstboten zu haben. Ihr Vater litt darunter, dass er als Folge des Zweiten Weltkrieges aus seiner Heimat Ostpreußen hatte fliehen müssen. Als Angestellter eines US-Konzerns musste die Familie häufig in Südafrika umziehen – eine ruhelose Zeit. Als sie 16 war, kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland, wo sie zunächst Abitur machte und später in Kiel ein Biologiestudium absolvierte. Während ihrer Arbeit für eine Umwelttechnikfirma studierte sie anschließend Theater- und Spielpädagogik und kehrte als Abschluss dieses Studiums 1996 zurück nach Südafrika, um in Kapstadt mit Straßenkindern ein dreiwöchiges Zirkusprojekt zu machen. „Ich wollte etwas zurückgeben“, sagt sie. Aus dem Zirkusprojekt ist inzwischen ein Projekt geworden, das ein Mann betreut, der selbst aus den Slums von Kapstadt kommt. Er bringt den Kindern, die oft nicht einmal mehr eine Familie haben, bei, dass sie nicht wertlos sind. Wenigstens ein paar von ihnen schaffen es, von der Straße wegzukommen, vereinzelt finden sie sogar eine Pflegefamilie.

Die nächsten Projekte stehen schon in den Startlöchern

1997 fing Idun Hübner an, in Kiel für das „Bündnis eine Welt“ zu arbeiten, 2002 ging sie zunächst als Englischlehrerin zur ZBBS. Sie hörte den Lebensgeschichten der Kursteilnehmer zu und dachte: „Vielleicht wäre es auch schön, wenn andere Menschen diese Geschichten hören.“ Daraus wurde 2015 das Projekt „Bühne frei für Geflüchtete“, in dem Geflüchtete mit Vorträgen, Tanz und Theater auf der Bühne standen, um sich, ihre Kultur und ihre Geschichten vorzustellen. Das Folgeprojekt ist „Die Stimme des anderen Geschlechts“, das am Mittwoch, 21. Oktober, mit einer Auftaktveranstaltung im Kieler Kulturforum beginnt. Das Prinzip ist ähnlich, die Hauptfiguren sind aber Frauen, die in ihren männerdominierten Kulturen so wenig Bedeutung haben, dass sie von den Männern nur als „das andere Geschlecht“ angesehen werden.

Mit einer ganzen Reihe von Projekten hat Idun Hübner inzwischen für Kontakte und Gespräche zwischen Geflüchteten und Einheimischen gesorgt. Integration und Verständnis zwischen den Kulturen heißt aber auch, dass geflüchtete Eltern akzeptieren, dass ihre Kinder hier in einer anderen Kultur aufwachsen und vielleicht anders leben werden als ihre Eltern. „Dabei geht es nie um richtig oder falsch, sondern darum, die Menschen dazu zu bringen, Möglichkeiten zu erkennen“, betont Idun Hübner. Auch dazu gibt es bei der ZBBS jetzt ein neues Projekt: „Die Öffnung der Familie“ mit muttersprachlichen Workshops für Familien, die schon einige Zeit in Deutschland leben. kst

Infos zur ZBBS, zu den Personen dahinter und den aktuell laufenden Projekten unter www.zbbs-sh.de oder Tel. 0431/2001150.