Stadtgeschichte in Holz, Granit und Marmor

Gräber wie das des Kieler Kaufmanssohns Henning Lass sind für Walter Arnold (li.) und Rolf Fischer Orte, an denen sich auf vielfältige Weise Geschichte erzählen lässt. Foto Jan Köster

Grabmale erzählen vom Leben und von Veränderung in Kiel

KIEL. Noch immer sind Friedhöfe für viele Menschen Tabu-Orte. Für die Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte dagegen, sind die städtischen und kirchlichen Friedhöfe in Kiel auch Orte, an denen sich Stadtgeschichte auf ganz vielfältige Weise erzählen lässt.

Das wird zum Beispiel deutlich, wenn der Südfriedhof-Experte Walter Arnold über das Grab des Kieler Kaufmannssohns Henning Lass spricht, der 1925 im Alter von 21 Jahren bei einem Motorradunfall starb. Seine Eltern ließen ihm auf dem Kieler Südfriedhof ein Grab errichten, das dem Status der gutbürgerlichen Familie gerecht werden sollte: inklusive einer lebensgroßen Marmorfigur, die den Verstorbenen in Denkerpose, römischer Toga und Sandalen zeigt. Ob Henning Lass das zu Lebzeiten gefallen hätte, ist unklar, aber edle Materialien und der Bezug zur uralten römischen Hochkultur machten damals ordentlich was her, um den gesellschaftlichen Rang der Familie zu unterstreichen. Und weil die Familie Lass mit einer ganz bestimmten Familie in Dänemark befreundet war, schuf deren Mitglied Edvard Eriksen die Figur für das Grab auf dem Südfriedhof – genau der Edvard Eriksen, der auch die Kleine Meerjungfrau in Kopenhagen schuf. „So lässt sich an diesem Grab auch etwas zur Verbindung von Kiel zu Dänemark erzählen“, sagt Walter Arnold. – Und natürlich zur Sozialstruktur in Kiel Anfang des 20. Jahrhunderts oder zum zeitgenössischen Kunstgeschmack. Andere Gräber bieten andere Ansatzpunkte: Nicht weit von der Grabstätte Lassen ist der Jurist Albert Hänel (1833-1918) beerdigt, der 1892 und 93 Rektor der Kieler Universität war und 1911 Ehrenbürger der Stadt wurde. Hänel engagierte sich als liberaler Politiker unter anderem im Reichstag des Norddeutschen Bundes und im Reichstag des Deutschen Kaiserreichs.

Beim städtischen Nordfriedhof stehen die Militärgräber im Mittelpunkt, beim kirchlichen Südfriedhof ist es die historische Park- und Bestattungskultur – der Südfriedhof war bei seiner Einweihung 1869 der erste Parkfriedhof Deutschlands – auf dem ebenfalls kirchlich betriebenen Eichhoffriedhof sind zahlreiche Grabstellen Kieler Persönlichkeiten zu finden, dazu Gedenkorte für die Opfer von Krieg, Bomben und Revolution. Zum Beispiel diese Gedenkorte könnten nach Ansicht von Rolf Fischer, dem Vorsitzenden der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, auch im öffentlichen Gedenken künftig eine weit größere Rolle spielen als bisher.

Seit zwei Jahren sind die Kieler Friedhöfe schon ein Schwerpunkt in der Forschungsarbeit der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, sie bietet verschiedene Themenführungen an und hat bereits verschiedene Publikationen herausgebracht. Doch das darf gerne noch viel mehr werden. „Friedhöfe sind wichtige authentische Orte, und ihre besondere Geschichte gehört zur Identitätsbildung einer jeden Stadtgesellschaft“, sagt Rolf Fischer. Dass die Stadt Kiel und ihr Grünflächenamt vor kurzem beschlossen haben, die Nutzung der städtischen Friedhöfe „näher ans Leben“ bringen zu wollen, ist für ihn genau der richtige Weg. Vielleicht, so die Hoffnung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, kann sie bald Stadt und Kirchen gemeinsam dabei unterstützen, ihre Friedhöfe noch mehr als bisher als Orte ins Bewusstsein zu bringen, an denen Geschichte geradezu kondensiert in vielen dicht an dicht gepackten Geschichten zu finden ist. kst