Sieben dunkle Zimmer und der „alte Teufel“

„Auf der Feldstraße. Von rechts meine kleine Schwester, Christel, unser Dienstmädchen, ich vor ihr, mein Bruder, unsre Mutter mit Pelzkragen und eine Bekannte“, so Joan Lithander zu diesem Bild. Foto Privat

Die Schwedin Joan Lithander erinnert sich an ihre Kindheit, die sie in den 1950er-Jahren teilweise in Kiel verbrachte

Liebe Leserinnen und Leser, eigentlich passt der folgende persönliche Bericht gar nicht so recht zu dem, worüber der Kieler Express normalerweise berichtet. Trotzdem haben uns die kurzen Kindheitserinnerungen, die uns unsere schwedische Leserin Joan Lithander aufgeschrieben hat, so sehr beeindruckt, dass wir sie ausnahmsweise trotzdem abdrucken wollen:

Es ist 1954, wir fahren aus Schweden nach Deutschland, Kiel. Unser Vater ist verstorben, Mutter hat eine neue Ehe mit einem deutschen Arzt. Wir sind drei schwedische Kinder im Alter von zehn (ich), neun und acht Jahren. Der Deutsche hat drei Kinder, die woanders wohnen und manchmal zu Besuch kommen. In Deutschland haben die Kinder oft auch keinen Vater, was ich gut finde, denn dann bin ich wie die anderen. „Vater ist tot.“

Die Wohnung ist dunkel und groß, hat sieben Zimmer, Feldstraße 76. Wir haben ein tolles Dienstmädchen, Christel, die hinter der Küche ihr Zimmer hat. Wir sprechen kein Deutsch. Man setzt uns einfach in die Schule. Es sind ganz viele Kinder in der Klasse, 45. Die Lehrer sind nett und freundlich. Nach drei Monaten mache ich zum ersten Mal in der Klasse mein Mund auf. Alle freuen sich: „Sie spricht ja.“

Auf den Bauernmarkt am Blücherplatz, da gehe ich gerne hin, die sprechen beinahe Schwedisch. Sie nennen es Plattdeutsch.

Die deutschen Kinder haben komische Kleider, so wie schwere Stiefel, Hosen mit Gummiband unten und ein Rock darüber. Manche haben Strümpfe, die kariert sind. Ich werde geärgert, weil ich anders aussehe mit meinen Kleidern aus Schweden. Ich bin traurig und bitte meine Mutter, mir deutsche Kleider zu besorgen, was sie gar nicht verstehen kann. Sie laufen hinter mir her, die Deutschen, und schreien: „Ätsche, bätsche, sie hat Nylonstrümpfe an.“ Sie spielen aber gerne mit mir, so geht das ganz gut. Ich bin in der Klasse die schlechteste und trotzdem lassen sie mich rein in die Oberschule, weil ich Ausländerin bin. Klarer Vorteil, Ausländerin zu sein. Da hat man Freiheiten. Wir spielen in Bombenruinen, wir ärgern die Nachbarn, klingeln und laufen weg. Man sagt mir, dass „Heil Hitler“ darf man nicht sagen. Daraufhin lauf ich auf die Straße und schreie ganz laut „HEIL HITLER“. Es wird ganz still um mich herum. Unheimlich irgendwie. Das mache ich nie wieder.

Der Stiefvater ist blöd, den mögen wir nicht. Mutter mag ihn aber, und sie umarmen sich und knutschen sich – widerlich finden wir. Immer müssen wir hingehen und uns bedanken bei ihm, sagt Mutter. Schwedisch kann er nicht, Ausnahme: „Gubbjävel“ = „der alte Teufel“, da müssen wir vorsichtiger sein. Die deutschen Frauen finden es wohl nicht so toll, dass er eine Schwedin geheiratet hat, wir ja auch nicht. Gibt ja so wenig Männer in Deutschland. Hätte er ruhig eine Deutsche nehmen sollen und uns in Schweden lassen. Gut in Deutschland ist dagegen der Osterhase und Nikolaus, die kennen wir nicht.

Die armen Deutschen: Traurig fand ich, dass sie nicht über ihr Land stolz seien konnten, durften oder wollten. Ich bin sehr stolz, Schwedin zu sein, obwohl die Frauen aus Schweden in den 50er-Jahren einen Ruf hatten, etwas leicht zu sein. Man hat einen Film gesehen, wo eine junge Schwedin nackt in einem See gebadet hat. Wurde von hinten fotografiert. Was die Deutschen nicht verstanden, war, dass wir ein großes Land haben, mit wenig Menschen und niemand sieht, wenn wir nackt baden, auf dem Lande, in einem unsrer tausend Seen.

Nur wenn Fußball gespielt wurde, waren die Deutschen nationalstolz. Beinahe etwas zu viel. 1958 spielt Deutschland gegen Schweden in der Weltmeisterschaft. Der alte Teufel saß im Wohnzimmer und hat das Spiel verfolgt. Wir Schweden saßen in unserem Schlafzimmer und haben das Spiel im Radio verfolgt. Stimmung im Haus war nicht so gut, nachdem wir den Deutschen gezeigt haben, wie man Fußball spielt. Danach haben viele Deutsche uns für eine Weile sehr unfreundlich behandelt. Die schwedischen Autos, die ins Land reinfuhren, bekamen zum Teil kein Benzin. Verlieren können die Deutschen nicht so gut, muss man dazu sagen.

Ansonsten waren die Deutschen immer nett zu uns. Nur sind sie sehr laut und können nicht ordentlich in einer Schlange stehen, wie wir Schweden oder auch Engländer es können. Sie haben tolles Brot, gute Wurst und ein sehr gutes Bier. Der alte Teufel hat immer gesagt, das schwedische Bier kann man gleich in die Hose kippen. In den 50er-Jahren haben wir Kinder nicht selber Bier getrunken, nur holen mussten wir immer Bier vom Fass in einem großen und schweren Stiefel aus Glas aus der nächsten Kneipe. Das haben wir ungern getan, aber was der Alte Teufel befahl, musste ja befolgt werden, so hat es Mutter gesagt. Am peinlichsten war, wenn wir einmal mit Pfennigen, 99 Stück, bezahlen mussten. Die Alten waren wohl etwas pleite am Ende dieses Monats.

1959 ziehen wir nach Bremen! Alles wird besser für die ganze Familie. Wir wohnen schön in einem großen Haus in Schwachhausen. Wir haben einen kleines Schwimmbecken im Garten. Der alte Teufel verdient gutes Geld. Wir haben ein Dienstmädchen, Else, später Elke, und einen Hausmeister, Julius. Julius ist der Sohn eines Pfarrers und kann enorm gut und laut singen, das tut er, wenn er besoffen ist, was oft vorkommt. Er wohnt im Keller und arbeitet im Garten und im Haus. Er nennt Mutter: „Frau General“.

Morgens, wenn ich wie gewöhnlich viel zu spät aus dem Bett gekommen bin, steht Else mit lauwarmem Kakao und einem Brot in der Hand bereit, was ich im Laufen schlucke – mit Brot in der Hand renne ich raus auf die Straße, und da steht Julius mit meinem Fahrrad startbereit. So komme ich nicht zu spät in die Schule. Das sind Kumpels im Leben, die man nie vergisst. Weder Mutter noch der alte Teufel wussten von diesem. Ich ging ins Kippenberg-Gymnasium für Mädchen, wo alle singen konnten, nur ich nicht, schrecklich: Die dritte Stimme singt falsch!

Also Bruderherz hatten die Alten zum zweiten Mal auf ein Internat verpasst. Bruderherz war der „Schweinehund“ und ich das „widerliche Frauenzimmer“ beim Alten Teufel. Schwesterherz kam mit den Lehren in Kippenberg nicht so gut zurecht, so wurde sie auf eine Privatschule versetzt. Mit dem Alten Teufel kam sie besser zurecht als wir beiden Älteren.

Wir haben schöne Jahre in Bremen verbracht, viele Freunde, viele Partys. Unsre deutsche Schwester zog zu uns in Bremen. Die Tochter des Feindes, au weia. Aber sie war aus gutem Holz und wurde von uns dreien akzeptiert. Sie spricht sehr gut Schwedisch, heute noch. Ende gut alles gut, wir durften 1961 nach Schweden zurück. Dort habe ich auf dem Internat 1963 mein Abitur bestanden, Schwesterherz drei Jahre später. Bruderherz war mehr bei den Pferden auf der Rennbahn als in der Schule, oder er hat auf den Zügen heimlich als Kellner gearbeitet und gutes Geld verdient. Was er, großzügig wie er war, mit uns teilte. Mit der Schule ging es nicht ganz so gut.

1964 habe ich Medizin in Kiel angefangen und im Jahr 1970 mein Staatsexamen bestanden. Danach ging der Weg zurück nach Schweden, um dort Augenheilkunde zu praktizieren.

Danke an Deutschland für meine Ausbildung. Ich habe ein halbes Herz in Deutschland gelassen. JOAN LITHANDER