Segeln wie im Mittelalter

Mit ihrem dunklen Eichenholz versprüht die Hansekogge historischen Charme. Foto: Svenja Paetsch

Zu Besuch auf der Hansekogge im Kieler Hafen

KIEL. Die Kieler Hansekogge ist erst 30 Jahre alt – und versprüht trotzdem jede Menge historischen Charme. Mit ihrem dunklen, massiven Eichenholz, den 11.000 handgeschmiedeten Nägeln und den hellen Segeln zieht der originalgetreue Koggennachbau an seinem Liegeplatz am Satorikai die Blicke vieler Passanten auf sich.

23 Meter lang ist das Schiff – und liegt im Moment einen großen Schritt vom Kai entfernt. „Den Fuß auf dem Vorsprung an der Bordwand abstellen, mit beiden Händen am Seil festhalten und das andere Bein mit Schwung aufs Deck“, sagt Bernd Lesny, Geschäftsführer des Fördervereins Historische Hansekogge Kiel. Ein unsicherer Blick nach unten ins graue Ostseewasser, ein großer Schritt – und wir stehen auf dem Deck des Traditionsschiffes.

„Die Hansekogge ist der einzige originalgetreue Nachbau einer Kogge“, erzählt der ehemalige Marine-Soldat. „Das macht sie so besonders.“ Bis in den 60er-Jahren im Schlick der Wesermündung des Bremer Stadthafens eine zu drei Vierteln erhaltene Kogge gefunden wurde, wusste man wenig darüber, wie diese Schiffe tatsächlich aussahen, wie groß sie waren, wie breit. „Dieser Fund war für Historiker und Meeresarchäologen wie ein Sechser im Lotto“, sagt Lesny.

Die „echte“ Kogge wurde im Bremerhavener Schifffahrtsmuseum jahrelang konserviert und schließlich in Kiel nachgebaut. Begleitet wurde das Projekt von Bootsbauern und Historikern, die den Bau auf historische Genauigkeit prüften – sogar extra angefertigtes Originalwerkzeug wurde genutzt. Einzige große Abweichung vom Original: Früher war der Laderaum komplett offen, bei der Hansekogge wurde ein Deck eingezogen, damit die Besatzung und Besucher sich überhaupt an Bord bewegen können. „Andere Koggen sind oft vollständig ausgebaut und damit so etwas wie ‚simple Repliken‘“, erzählt der Geschäftsführer. „Bei uns ist wirklich alles so wie im Mittelalter.“

Und das Mittelalter-Flair steckt hier in jeder Ecke. Zum Beispiel beim Bratspill, eine Art Winde, die sich dem Laien als eine Art waagerechter Holzzylinder mit vier nebeneinander liegenden Löchern präsentiert. In diese kommen vier Spaken, runde Holzstäbe. „Vier Personen bewegen mit aller Kraft die Spaken, zwei sichern auf der anderen Seite“ sagt Bernd Lesny. „So wird die fast tonnenschwere Rah, ein Teil der Takelage, geholt.“ Gearbeitet wird mit (Wo)manpower – technische Unterstützung sucht man vergebens.

„Hier geht es in den Laderaum“, sagt Bernd Lesny und öffnet eine kleine Luke im Deck, hinter der eine steile Leiter in den Schiffsbauch führt. Die Ladung von 100 Pferdefuhrwerken wurde früher im Laderaum verstaut, heute lagern hier allerlei Gebrauchsgegenstände – und die Motoren. „Nachdem das Schiff fertiggestellt war, wurden damals die alten Hanserouten nachgefahren, alles ohne Antrieb, nur unter Segeln. Man hatte einen alten Fischkutter gekauft, der die Kogge begleitet hat und in die Häfen schleppte. Doch das geht auf Dauer nicht. Als die Forschungsreisen abgeschlossen waren, wurden also Motoren eingebaut“, erläutert Lesny.

Über einige Balken hinweg und unter anderen Balken hindurch geht es weiter durch den Schiffsbauch bis zu einigen Kojen, die an den Seitenwänden hängen. „Das sind Stahlrahmen, die mit Segeltuch bespannt sind. Das ist sehr hart. Wer hier übernachten will, braucht zusätzlich eine Isomatte“, sagt Bernd Lesny. „Auch das unterscheidet uns von den anderen, ausgebauten Koggen.“ Und auch sonst geht es eher spartanisch zu. Duschen sucht man vergebens, dafür gibt es eine Toilette mit kleinem Waschbecken. Die kleine Kombüse hingegen lässt keine Wünsche übrig.

„Der Aufwand, die Kogge instand zu halten, ist enorm hoch“, sagt Bernd Lesny. Das Holz ist in Mitleidenschaft gezogen, teilweise sind Löcher in der Beplankung, es regnet rein. Einige Stellen wurden bereits ausgebessert, zusätzlich wurde der Mast vor einigen Jahren erneuert, das Segel im letzten Jahr. Doch das Schiff ist sicher und seetüchtig – das steht außer Frage. „Alle fünf Jahre machen wir eine Sicherheitszertifizierung, die enorme Anforderungen mit sich bringt“, sagt Lesny.

Die geänderte Sicherheitsverordnung, mit der das Bundesverkehrsministerium im März die Sicherheitsvorschriften für Traditionsschiffe deutlich erhöht hat und die vielen Schiffen seitdem Probleme bereitet, betreffen die Hansekogge hingegen aktuell nur bedingt. „Wir laufen unter einer befristeten Ausnahmeregelung“, erzählt Bernd Lesly. „Deshalb dürfen wir aber auch nicht auf offener See fahren, sondern nur in Küstennähe, und nicht weiter östlich als bis zum Darß.“

Bei der Kieler Woche ist die Kogge aber natürlich mit dabei. Mit aktuell 50 Passagieren plus sechs bis 15 Crew-Mitglieder segelt die Hansekogge auf einem Drei- bis Vier-Stunden-Törn bis Laboe/Strander Bucht und wieder zurück. Die Windjammerparade lässt sich die Crew ebenfalls nicht entgehen.

Wer Teil des Hansekogge-Teams werden und wissen möchte, wie sich das Segeln auf historische Art anfühlt, der kann als ehrenamtliches Crewmitglied anheuern. „Man muss dafür keine Segelerfahrung mitbringen“, sagt Bernd Lesny. „Wer nicht unbedingt zwei linke Hände hat, kann unter Einweisung alles lernen.“ svp

Infos gibt es unter www.hansekogge.de