Schon morgens das erste Bier

Auch Alkohol wird während der Corona-Pandemie häufiger konsumiert - die Gründe sind vielfältig. Foto: Pixabay

Kiel. Die Corona-Pandemie bedeutet für viele eine enorme Belastung – eine Folge: Der Konsum von Suchtmitteln steigt. Das beobachtet das Team der Suchtberatungs- und Behandlungsstelle der stadt.mission.mensch in Kiel.

„Wir bieten vorrangig Beratung und Behandlung bei Missbrauch oder Abhängigkeit von Alkohol, Cannabis, Glücksspiel und Medien an“, erzählt Sozialpädagogin Anna Schwitzer, Teamleiterin in der Suchtberatungs- und Behandlungsstelle bei der stadt.mission.mensch. „Der Bedarf hat während der Corona-Pandemie in allen Bereichen zugenommen.“

Im Bereich Medien stieg die Nachfrage nach Beratungen und Behandlungen beispielsweise um ein Drittel, beim Alkoholmissbrauch gibt es vermehrt Rückfälle. „Auf der einen Seite wird durch die Pandemie einfach deutlicher, wie viel Konsum schon da ist“, erklärt Schwitzer. „Wenn ein Paar beispielsweise gemeinsam zu Hause arbeitet, merkt die Ehefrau einfach deutlicher, wenn der Mann das Handy oft in die Hand nimmt.“ Auf der anderen Seite werde einfach mehr konsumiert. „Alkohol zum Beispiel lässt sich auch morgens vor der Videokonferenz konsumieren“, sagt die Sozialpädagogin. Der Mediengebrauch habe allein durch Homeschooling oder Online-Vorlesungen zugenommen.

Zwiegespalten ist die Situation beim Glücksspiel – denn Spielhallen und Casinos sind geschlossen. „Für ganze wenige Betroffene, die bisher nur in Spielhallen unterwegs waren, sind die Schließungen hilfreich und können den Einstieg in die Abstinenz ermöglichen. Viele weichen aber auf Online-Glücksspiel aus.“ Während der Corona-Zeit sei die Werbung für Online-Casinos gestiegen, außerdem seien Online-Glücksspielanbieter und Casinos sehr pfiffig, wenn es darum gehe, Alternativen zu kreieren – zum Beispiel zu Sportwetten. „In der Anfangszeit der Pandemie waren erstmal kein Sport und somit keine Sportwetten möglich“, erzählt Schwitzer. „Doch die Anbieter haben dann Simulationen für Sportevents kreiert oder sind auf die weißrussische Liga ausgewichen.“

Der Wegfall von sozialer Kontrolle, Vereinsamung, fehlende soziale Unterstützung bei der Problembewältigung, Perspektivlosigkeit durch Kurzarbeit oder Insolvenz und Ohnmachtsgefühle seien einige der Gründe, aus denen der Konsum von Suchtmitteln steigt. Ist die ganze Familie dann noch für lange Zeit auf engem Raum, entstehen mehr Konflikte. „Ganz viele Menschen können jedoch keinen Druck mehr durch Sport oder soziale Kontakte ablassen. Stattdessen werden die Konflikte mit Suchtmitteln gedämpft – und da funktionieren alle.“

Wer Hilfe braucht, findet trotz der Corona-Pandemie bei der Sucht- und Beratungsstelle der stadt.mission.mensch Unterstützung – entweder vor Ort unter Berücksichtigung aller Hygienevorschriften oder per Telefon oder Video. Die Beratungsgespräche sind kostenfrei, vertraulich und unverbindlich. Wer die Arbeit der Stadtmission unterstützen möchte, findet unter www.stadtmission-mensch.de/spenden weitere Informationen. „Wir freuen uns immer über Spenden“, sagt Anna Schwitzer. „Die Video-Beratungen bedeuten einen hohen Aufwand, da benötigen wir Unterstützung. Zudem biete ich ein neues Reduktionsprogramm für Medien-Abhängige an. Auch hierfür benötigen wir Spenden, damit das Angebot weiter bestehen kann.“svp

Weitere Informationen unter Tel. 0431/26044500 oder unter www.stadtmission-mensch.de