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Als Mikroplastik - hier Proben der Expedition POS536 - werden meist Partikel mit einer Größe von fünf Millimeter und kleiner bezeichnet. Foto: Mark Lenz/GEOMAR Mit speziellen Netzen untersucht das Team der Expedition AL534/2 die Mikroplastikverteilung vor der Küste Westeuropas. Foto: Expeditionsteam AL534/2

Geomar koordiniert Projekt zum „Verschwinden“ von Plastikmüll im Meer

Kiel. Viele Millionen Tonnen Plastikmüll landen jedes Jahr in den Meeren. Doch nur ein winziger Teil davon treibt sichtbar im Wasser – wo bleibt der große Rest?

Mit dieser Frage beschäftigt sich das Forschungsprojekt „HOTMIC“ (Horizontal and vertical oceanic distribution, transport, and impact of microplastics), an dem sich neben Deutschland auch Dänemark, Portugal, Italien, Belgien und Estland beteiligen. Das mit 2,3 Millionen Euro finanzierte Programm ist auf eine Dauer von drei Jahren angelegt. Im März war das Kieler Forschungsschiff „Alkor“ bereits entlang der europäischen Westküste unterwegs, um Proben und Daten zu sammeln.

„Weniger als zehn Prozent des in den Ozean gelangenden Kunststoffs kann derzeit nachgewiesen werden“, sagt Projektkoordinator Dr. Mark Lenz vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Der Meereschemiker Prof. Dr. Eric Achterberg sieht eine Ursache für das „Verschwinden“ des Plastikmülls darin, „dass das Plastik in winzige Mikroplastikpartikel zerfällt, die wir auf See mit heutigen Methoden nur schwer nachweisen können.“ Ein weiterer Grund ist wahrscheinlich, dass die Plastikpartikel nicht an der Wasseroberfläche bleiben, obwohl die meisten Kunststoffe in Wasser schwimmen. Welche Mechanismen den Transport des Plastiks in die Tiefe kontrollieren und welche ökologischen Auswirkungen dies haben könnte, ist ebenfalls weitgehend unklar.

Das HOTMIC-Projekt will diese Wissenslücken schließen. Dafür konzentriert es sich auf den nordatlantischen Raum als Modellregion und untersucht dort die Wege des Plastiks vom Kontinent bis in den nordatlantischen Ozeanwirbel. Dieser Wirbel ist einer von fünf riesigen Wirbeln in den Weltmeeren. Der nordatlantische Ozeanwirbel reicht von den Küsten von Nord- und Mittelamerika bis zu den Küsten von Europa und Afrika.

Das Projekt berücksichtigt Mikroplastik bis zu einer Größe von weniger als zehn Tausendstel Millimeter und erforscht, welche physikalischen, chemischen, aber auch biologischen Prozesse bei der Plastikverteilung eine Rolle spielen. Zusätzlich wollen die Beteiligten neue Analysetechniken entwickeln, die den Nachweis von Mikroplastik vereinfachen.

Das Kieler Forschungsschiff „Alkor“ hat auf seiner Fahrt Proben vor größeren Flüssen wie der Seine, der Themse oder der Elbe genommen, aber auch in der Straße von Gibraltar oder vor der belgischen Nordseeküste. „Damit decken wir den ersten Teil des Transportweges aus den Flüssen in die Küstengewässer ab“, so Fahrtleiter Dr. Aaron Beck.

Die Untersuchung der Proben gestaltet sich wegen der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Schließung der Grenzen als unerwartet schwierig. Denn eigentlich sollten viele der empfindlichen Proben gleich nach dem Einlaufen der „Alkor“ in Kiel zu den Partnern in Belgien, Dänemark oder Estland transportiert werden, um dort untersucht zu werden. Jetzt müssen diese Proben zunächst beim Geomar in Kiel fachgerecht aufbewahrt werden, bis die Untersuchungen wieder möglich sind.