Muscheln überwachen Munition

Das Team um Dr. Jennifer Strehse setzt weltweit erstmals auf Miesmuscheln zur Kontrolle von Kriegsaltlasten im Meer. Foto: Jan Köster

Kiel. Geschätzte 1,6 Millionen Tonnen Kriegsmunition liegen in unseren Küstengewässern. Manches davon könnte immer noch explodieren, vor allem aber rosten die alten Granaten, Patronen, Minen und Co. zunehmend durch und setzen aus ihren Sprengstoffen allmählich giftige Chemikalien ins Wasser frei. Bis die Altmunition geborgen werden kann, ist es gut, sie wenigstens schon mal genau zu überwachen. Mit Miesmuscheln hat die Kieler Toxikologin Dr. Jennifer Strehse ein sehr empfindliches Frühwarnsystem entwickelt, das frühzeitig sichtbar macht, wenn die Konzentration der ins Wasser austretenden Sprengstoffreste so hoch werden sollte, dass sie auch für den Menschen gefährlich werden könnte. Für ihre Arbeit ist sie jetzt mit dem „Young Scientist Merck Award 2021“ ausgezeichnet worden – der Preis gilt als eine der wichtigsten Auszeichnungen, die junge Wissenschaftler im Bereich der Toxikologie in Deutschland bekommen können. Weltweit ist das Team der 37-Jährigen Wissenschaftlerin das erste, das die Überwachung, oder wie die Forscher sagen: das „Monitoring“, von im Meer versenkter Munition mit Miesmuscheln erforscht. In Untersuchungsgebieten in der Lübecker Bucht und in der „Kolberger Heide“ in der Kieler Bucht setzen die Forscher das „Miesmuschel-Monitoring“ bereits im Rahmen von Pilotprojekten ein.

Jennifer Strehse arbeitet am Institut für Toxikologie und Pharmakologie für Naturwissenschaftler der Kieler Uni und des UKSH. Im Rahmen eines Forschungsprojekts hat sie sich den Stoffwechsel der in Nord- und Ostsee heimischen Miesmuschel genauer angeschaut. Miesmuscheln heften sich mit ihren Byssusfäden an feste Gegenstände und aneinander, so entstehen Muschelhaufen und ganze Muschelbänke. Sie ernähren sich, indem sie große Mengen Meerwasser durch ihre Kiemen pumpen und dabei kleinste und allerkleinste Partikel ausfiltern. Wenn giftige Umwandlungsprodukte des Sprengstoffs TNT im Wasser sind, reichern die Muscheln diese Stoffe im Körpergewebe an. Durch regelmäßiges Analysieren einzelner Muscheln lässt sich feststellen, ob die Konzentration an Sprengstoffresten im Wasser noch unbedenklich ist oder ob sie ansteigt und kritisch wird.

Jennifer Strehse hat auch entdeckt, das in den Miesmuscheln immer dann, wenn TNT oder seine Umbauprodukte im Wasser sind, ein ganz bestimmtes Gen im Miesmuschel-Erbgut besonders aktiv ist. Dieses Gen ist wichtig für den körpereigenen Abwehrmechanismus der Muschel, denn die Sprengstoff-Chemikalien sind auch für sie giftig. Somit liefert auch dieses Gen einen eindeutigen Hinweis auf das Vorhandensein von Sprengstoffresten im Wasser.

Inzwischen hat das Europa-Parlament per Resolution die EU aufgefordert, die Weltkriegsmunition in der Ostsee zu finden und zu entsorgen. Schleswig-Holsteins Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) appellierte erst kürzlich an die Bundesregierung, die Küstenländer finanziell dabei zu unterstützen. Für die Erfüllung dieser voraussichtlich Jahre erfordernden Mammutaufgabe müssen möglichst alle Altlasten mit großem technischen Aufwand erst mal entdeckt und kartiert werden. Die Fundorte können dann bis zur Bergung der alten Granaten, Minen und Torpedos mit dem von Dr. Jennifer Strehse entwickelten Muschel-Monitoring überwacht werden. kst