Mehr als nur ein Stück Bakelit

Mitten im Getümmel des kleinen Ladens, der im Museum aufgebaut ist, steht die Preistafel, die für Museumsleiter Michael Kmoch das Herzstück der Ausstellung ist. Foto: Jan Köster

„Welches Stück in Ihrem Museum ist Ihr persönliches Lieblingsstück und warum?“ – Diese Frage beantworten die Leiterinnen und Leiter von Museen aus dem Verbreitungsgebiet des Kieler Express’ in einer kleinen Artikelserie. In Folge 5: Michael Kmoch vom 50er-Jahre-Museum Kiel.

Kiel. “Na? Können Sie sich denken, was hiervon mein Lieblingsstück ist?“ fragt Michael Kmoch und deutet auf den kleinen Kaufmannsladen, der eine der Stationen in seinem 50er-Jahre-Museum ist. Wie fast jeder Themenbereich in der Ausstellung ist auch der Laden nach Originalfotos ähnlicher Orte so authentisch wie möglich aufgebaut. Die Regale sind voll mit Schachteln, Milchkannen und Dosen, es gibt Klipp’s Kaffee, Persil, Spüli, Hustelinchen, Rotbart Rasiercreme, Maggi Würzsoßen und vieles mehr. Mittendrin die Preistafel – auf sie zeigt Michael Kmoch, „das ist es“, sagt der 68-Jährige.

Ein paar Ecken der Bakelit-Oberläche sind schon herausgebrochen. In zwei Spalten stehen die Warenbezeichnungen, jeweils rechts daneben sind mit rotem, abwischbaren Schreiber von Hand die Preise eingetragen: „Trinkmilch lose, 1 Ltr, 52 Pfennig“, „Makkaroni, 500g, 1,44 DM“, „Kaffee-Ersatz, 500g, 1,40 DM“. „Als wir mit dieser Ausstellung in Landshut waren, kam ein junges Paar auf mich zu und fragte, ob ich diese Preistafel haben wollte“, erzählt Michael Kmoch. Die Tafel hatte dem Großvater eines der beiden gehört. Der hatte nach dem Krieg genau so einen Laden aufgebaut. In den 1960er-Jahren musste er schließen, weil er der Konkurrenz eines modernen Selbstbedienungsladens, der in der Nähe aufgemacht hatte, nicht mehr gewachsen war. Der Großvater nahm einen Bürojob an und gab den Laden auf. Nichts blieb ihm davon übrig, nur diese Preistafel, auf der bis heute seine letzten Preise stehen, so wie er sie mit seiner leicht schnörkeligen Handschrift damals eingetragen hat. Noch Jahre lang hing die Tafel in der Wohnung des Großvaters an der Wand, als er ins Pflegeheim musste, musste auch die Preistafel mit, aber dort konnte sie nicht mehr aufgehängt werden.

Für Michael Kmoch ist diese Preistafel so etwas wie ein Kondensat dessen, was er mit seinem Museum zeigen will: „Die Leute kamen total zerschlagen aus dem Krieg, hatten keine Schulter zum Ausweinen, jeder baute sich eine Existenz auf – bei den einen klappte das gut, bei den anderen weniger. Und da macht so einer seinen Laden auf, und das läuft eine Zeit lang, und dann muss er wieder zumachen, weil er von einem größeren verdrängt wird.“

Konsum ist ein zentrales Thema im Museum. Anfangs noch der ganz bewusste, bei dem für einen Gegenstand zuerst gespart wurde, um ihn kaufen zu können. Später dann der Beginn der Entwicklung zu heutigen Konsumformen mit Kreditfinanzierten Artikeln, die technisch und modisch immer schneller überholt sind.

Die Preistafel des Ladenbesitzers zeigt eine Zeit, in der Konsum noch Einkaufen für den täglichen Bedarf war. „Diese Tafel war sein zentraler Gegenstand, mit dem er jeden Tag gearbeitet hat“, sagt Michael Kmoch. „Das war sein Instrumentarium, sein ’Computer’. Die Ware ist vergangen, die Tafel ist geblieben. Das ringt mir schon großen Respekt ab.“ kst

Das 50er-Jahre Museum Kiel

Das Museum ist aus der privaten Sammlung einer Künstlerin hervorgegangen. Mit deren Exponaten und weiteren Leihgaben ging der Kieler Konzertveranstalter Michael Kmoch zunächst auf Deutschlandtournee, bevor er vor rund eineinhalb Jahren in einer alten Lagerhalle direkt neben den Schleusen des Nord-Ostsee-Kanals sein rund 350 Quadratmeter großes Museum aufbaute. Die Eintrittskarten gibt es nebenan im Imbiss, der mit Aussichtsterrasse am Kanal zum Museum gehört.

Gemeinsam mit einer Bühnenbildnerin hat Michael Kmoch das Konzept der Ausstellung entwickelt: großformatige Bilder des zeitgenössischen Bonner Fotografen Josef Heinrich Darchinger, dazu jeweils passend szenisch arrangierte und möglichst authentisch ausgestattete Stationen: Den Laden, Wohnung, Kino, Kneipe, Plattenladen, Friseur, Schulzeit, Spielzeug und mehr. Die Ausstellung konzentriert sich auf die 15 Jahre zwischen Währungsreform und dem Ende der Ära Adenauer. Sie soll nicht verherrlichen, sondern zeigen, was war. Führungen bietet Michael Kmoch nicht an, höchstens kurze Einführungen. Seine Gäste sollen selbst ihre Geschichten in den Ausstellungsstücken entdecken. Jüngere Menschen können das Museum sicher auch allein genießen, aber sie könnten es auch mit jemandem besuchen, der die Zeit noch selbst erlebt hat und anhand der Ausstellungsstücke aus eigenen Erinnerungen erzählen kann.

50er-Jahre Museum Kiel, Mecklenburger Straße 58 in Kiel. Tel. 0431/3890850, www.50er-jahre-museum-kiel.de