Leid, Last und Liebe

Im Jüdischen Museum Rendsburg gibt es eine Vielzahl von Exponaten wie zum Beispiel eine Tora-Rolle zu sehen. Bis Ende Juni läuft dort zudem die Ausstellung „Gerettet, aber nicht befreit. Überlebende der Shoah in Schleswig-Holstein“. Foto: Jensen

Kiel. Unter der Überschrift „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ soll das Jahr 2021 zu einem bundesweiten deutsch-jüdischen Festjahr werden. Im Jahr 321 erließ der römische Kaiser Konstantin der Große ein Edikt, das Juden erlaubte, in Ämter der Stadt Köln berufen zu werden – erstes beglaubigtes Zeugnis von Spuren jüdischen Lebens im heutigen Deutschland. Damit begann eine lange und höchst wechselvolle Geschichte jüdischer Gemeinden im deutschsprachigen Raum, mit Höhepunkten und Tiefpunkten bis hin zur Hölle der Shoah mitten im 20. Jahrhundert und einem später danach wiedererwachenden Leben. Um diese Geschichte ebenso wie heutiges jüdisches Leben in Deutschland sichtbar und erlebbar zu machen, hat der eigens dafür in Köln gegründete Verein „321–2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ gemeinsam unter anderem mit dem Bundesinnenministerium das Festjahr ins Leben gerufen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird es am 21. Februar offiziell eröffnen.

Schleswig-Holstein kann auf etwa 400 Jahre jüdischen Lebens zurückblicken. Hier engagieren sich Ex-Ministerpräsident Peter Harry Carstensen als Beauftragter für Jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Schleswig-Holstein (GCJZ-SH) und die beiden Landesverbände der Jüdischen Gemeinden zusammen mit zahlreichen Partnern, um für das Festjahr ein facettenreiches Programm zu organisieren. Laut Joachim Liß-Walther, ev. Vorsitzender der GCJZ-SH, soll das Jahr in Schleswig-Holstein nicht allein dem Gedenken an die Shoah, dem mühsamen Neubeginn jüdischen Lebens besonders nach der Wiedervereinigung und dem Kampf gegen Antisemitismus gewidmet sein, sondern auch und besonders an die kaum zu überschätzenden Beiträge deutscher Juden zur Literatur und Musik, Wissenschaft und Kultur, Politik und Wirtschaft, Justiz und Medizin erinnern. In dem Zusammenhang macht Liß-Walther darauf aufmerksam, dass der Begriff „Deutschland“ über die Zeit von 1700 Jahren in wechselnden geografischen Grenzen zu verstehen ist. So habe beispielsweise in Wien und auch zeitweise in Prag eine Kultur von deutschen Juden geblüht, die Weltliteratur und Weltmusik hervorbrachte. „Man denke nur an Franz Kafka, Franz Werfel, Max Brod, Karl Kraus, Stefan Zweig, Arthur Schnitzler oder bei den Musikern an Felix Mendelssohn, Jacques Offenbach, Gustav Mahler oder Arnold Schönberg,“ so Liß-Walther.

Noch muss das ganze Programm natürlich unter „Pandemie-Vorbehalt“ stehen. Geplant ist aber unter anderem, dass die mittlerweile neun jüdischen Gemeinden in Kiel, Lübeck, Segeberg, Flensburg, Ahrensburg, Elmshorn und Pinneberg zu Führungen und Ausstellungen, Konzerten und Podiumsdiskussionen zum gegenwärtigen jüdischen Leben einladen werden. Die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel wird eine ganze Palette von Seminaren und Vorlesungen anbieten. Die GCJZ-SH befasst sich mit prägenden Persönlichkeiten des Judentums und plant zahlreiche Konzerte, Vorträge, Lesungen und Exkursionen in Kooperation mit jüdischen Gemeinden, dem Landesbeauftragten für politische Bildung, der Landeshauptstadt Kiel, der Hermann-Ehlers-Akademie und dem Akademiezentrum Sankelmark sowie der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Lübeck. Die Nordkirche, die Kirchenkreise und Gemeinden, das Evangelische Frauenwerk und das Christian Jensen-Kolleg in Breklum werden vor allem mit Gottesdiensten, aber auch Sonderveranstaltungen dabei sein. Da ist das Jüdische Museum Rendsburg mit der Ausstellung „Gerettet, aber nicht befreit. Überlebende der Shoah in Schleswig-Holstein“ bis Ende Juni und im Herbst mit einer neuen Ausstellung. Auch Schulen und Volkshochschulen beteiligen sich mit Besuchen in jüdischen Gemeinden ebenso wie viele Akteure.

Infos zum Festjahr gibt es beim Beauftragten für Jüdisches Leben und Antisemitismus per Mail unter beauftragter@bimi.landsh.de und bei der GCJZ-SH unter info@gcjz-sh.de