Kultur-Klotz mit Café und Kino

Der Bunker D auf dem Campus der Fachhochschule Kiel ist heute ein Begegnungsort und Kulturzentrum mit einer Bedeutung weit über den Stadtteil hinaus geworden. Foto: kst

Neumühlen-Dietrichsdorf. Bunker waren im Krieg die letzten Zufluchtsorte. Wer sie aufsuchen musste, fürchtete um sein Leben. Die Webseite www.bunker-kiel.de geht davon aus, dass es in Kiel mindestens 126 bombensichere Anlagen gab, ihre Reste sind noch heute zu finden. Einige Bunker werden wieder genutzt, teilweise als Orte zum Feiern oder für Hobbys. In einer kleinen, unregelmäßigen Serie stellt sie der Kieler Express vor. Dieses Mal: der „Bunker-D“ der FH Kiel.

Spaziert man heute über den Campus der Fachhochschule in Kiel-Dietrichsdorf, so stechen aus den vielen mehr oder weniger modernen Gebäuden vor allem zwei ins Auge. Grau und hoch ragen sie aus dem Erdboden hervor und wirken trotz ihrer Massivität nicht wie zwei Fremdkörper auf dem Campus. Denn: Die beiden ehemaligen Hochbunker sind nicht nur optisch, sondern auch funktional in den Hochschulbetrieb integriert. Das war jedoch nicht immer so.

Bis Mitte der 90er-Jahre waren die verschiedenen Einrichtungen der Fachhochschule (FH) über ganz Kiel verteilt. Auf Beschluss der Landesregierung siedelte man diese 1995 gebündelt auf das leerstehende ehemalige Werftgelände der Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW) auf dem Ostufer um, auf dem zwei Werkschutzbunker der HDW den Zweiten Weltkrieg weitestgehend unbeschadet überstanden hatten. Einst als Schutz vor Bomben für die Ewigkeit gebaut, nun aber nutzlos, von Unrat überwuchert und vor allem eines: hässlich und verwaist.

Der Versuch, einen der beiden Bunker (den heutigen Bunker-D) 1994 im Rahmen des Pilotprojektes „Kunst im öffentlichen Raum“ durchgeführten Kunstlaboratoriums in eben dieses Künstlerprojekt zu integrieren, scheiterte. Zwölf Jahre sollte es dauern, bis ein zweiter Versuch unternommen wurde, aus dem Bunker einen Ort zu machen, in dem Kunst und Kultur ein Zuhause finden konnten. Bis dahin stand der Betonklotz weiterhin ungenutzt als Mahnmal des Krieges wie ein riesiger Grabstein auf dem immer lebendiger werdenden Campus. 2006 machten sich engagierte Hochschulangehörige und Kulturschaffende – finanziell bezuschusst durch das Förderprogramm „Soziale Stadt“ – daran, in dem inzwischen maroden Bunker ein Begegnungszentrum für Kultur und Kommunikation nicht nur für die Hochschule, sondern den gesamten Stadtteil zu schaffen. Heute, wiederum 13 Jahre und drei Umbauphasen später, ist der Bunker-D eine echte Adresse in Kiel, was Kunst und Kultur angeht – mit Galerie, Bühne, Bar, Café und sogar einem eigenen Kino. Acht Ausstellungen renommierter Künstler sind hier jedes Jahr zu sehen, insgesamt haben schon mehr als 115 Künstler ihre Werke hier präsentiert, und die meisten von ihnen haben eines ihrer Exponate als Leihgabe oder Schenkung gleich hier gelassen. Treibende Kraft, Inspirator und Kurator der Ausstellungen und der gesamten „CampusKunst-D“: Kanzler und Kulturbeauftragter der FH Klaus-Michael Heinze. „Als ich meinen Vortrag zur Wahl des Kanzlers gehalten habe, habe ich versprochen, dass ich Kunst mitbringen will, dass ich eine Seele mitbringen will“, erzählt Klaus-Michael Heinze bei unserem Treffen auf dem Campus. Das Versprechen hat er gehalten. Sein Büro in einem schlichten Verwaltungsgebäude direkt neben dem Bunker-D, seinem „Baby“, ist vollgestopft mit Plakaten, Exponaten, Büchern, Postkarten. Ins Schwärmen gerät der Verwaltungschef, wenn er von den Anfängen des Bunker-Projektes erzählt, den vielen Mitstreitern, der großen Unterstützung, der Begeisterung, den Künstlern, die er alle persönlich kennt, und vor allem von den vielen Partys und Veranstaltungen die der Bunker-D seit seiner „Wiederbelebung“ erlebt hat.

Und wenn man selbst über den im Original erhaltenen Kopfsteinpflasterweg, über den seinerzeit schon viele Werftarbeiter gegangen sind, zum Bunker-D spaziert, durch das inzwischen gläserne und sehr moderne Eingangsportal tritt, spürt man sofort, dass dem Bunker wieder eine Seele eingehaucht wurde. Denn nicht nur in der Galerie sind Kunstwerke ausgestellt, im Bunker-D sind praktisch in jeder Ecke – so unmöglich sie auch zunächst erscheinen mag – Exponate jeglicher Art bei genauerem Hinsehen zu entdecken. Auch das macht einen Besuch im Bunker-D zu etwas ganz Besonderem. Kaum ist man drin, ist man praktisch schon unter einem Kunstwerk durchspaziert, denn der Fries „Apocalypso“ von Ben Siebenrock überspannt das Eingangsportal. Ein eigens für den Haupteingang entworfene Vordach umrahmt und schützt den im Gegensatz zum Titel sehr farbenprächtigen Fries. Und auch im Treppenhaus muss man nicht genau hinschauen, hier wird jede freie Stelle – und sei sie scheinbar noch so ungeeignet – genutzt, um Kunst zu präsentieren, wie beispielsweise die Bodenkante des Treppenaufganges, an der drei Werke von Juliane Ebner zu sehen sind, die sie nach ihrer Ausstellung „Stoffwechsel“ im Jahre 2016 der Fachhochschule überließ. Lässt der Besucher den Blick von den Wänden nach oben schweifen, werden ihm die blauen und grünen Fäden auffallen, die sich dort in den Beton krallen und in einer großen Installation in einem der Bunkerfenster münden. Ein Werk des Künstlers Mathias Wolf, der Freie Grafik an der Fachhochschule für Gestaltung in Kiel studierte. „Vision“ heißt diese Installation, die 2009 im Rahmen der Ausstellung „Kerngeplauder“ eigens für den Bunker-D konzipiert wurde und als Schenkung als Teil der ständigen Ausstellung dort verbleibt. Wer die vielen verschiedenen Kunstwerke selbst entdecken und den Flair des einstigen Schutzraumes, in dem auch nach der Sanierung noch viel Originales erhalten wurde, erleben möchte, hat dazu während des Semesters wochentags von 10 bis 14 Uhr, mittwochs sogar bis 22 Uhr die Gelegenheit. Ulrike Volkmann

Mehr Information zu besonderen Veranstaltungen Vernissagen und dem Kinoprogramm gibt es im Internet unter www.fh-kiel.de