„Hecke stutzen“ mit dem Bagger

Wo früher Kleingartenanlagen standen, wächst nun das künftige Möbelhaus der Firma Möbel Höffner. Die Randbereiche sollten als Natur-Rückzugsflächen erhalten bleiben. Foto: Ulf Dahl

Kiel. War es planvolles Vorgehen oder das Versehen eines einzelnen Baggerfahrers? Tatsache ist, dass auf dem Gelände der Möbel-Höffner-Baustelle zwischen A215, Westring und Hasseldieksdammer Weg in Kiel bereits im November des vergangenen Jahres deutlich mehr Natur zerstört wurde, als es die Planungen vorsehen. Während das Thema auf politischer Ebene anfangs kaum Wellen schlug, kocht es aktuell immer höher. Inzwischen hat die Stadt Kiel angekündigt, Strafanzeige zu stellen. Am Mittwoch erreichte das Thema den Umweltausschuss des schleswig-holsteinischen Landtages.

Geplant war, dass an den Rändern des eigentlichen Baufeldes drei Flächen mit einer Gesamtgröße von 6,3 Hektar ungerodet bleiben sollten – nach Informationen der Kieler Nachrichten sollten dort lediglich kleinere Pflegemaßnahmen erfolgen: In den zwischenzeitlich verwucherten ehemaligen Kleingartenparzellen, die sich auf den Flächen befanden, sollten demnach die Hecken zurückgeschnitten und der Boden von wuchernden Brombeeren befreit werden. Laut dem Leiter des Kieler Umweltschutzamtes Andreas von der Heydt sollte die Mosaikstruktur der Kleingärten dabei erhalten bleiben. Doch statt kleiner Gartengeräte kamen auf der Fläche offenbar schwere Bagger zum Einsatz, die eben diese Struktur zerstörten.

Höffner-Geschäftsführerin Edda Metz sprach zunächst vom Versehen eines einzelnen Baggerfahrers. Laut dem Naturschutzbund Kiel hätten Anwohner aber beobachtet, dass mehrere Baufahrzeuge in den fraglichen Flächen im Einsatz gewesen seien. „Es war kein Versehen“, sagt Hartmut Rudolphi, Vorsitzender der Naturschutz-Organisation Nabu Kiel. Ob von drei oder einem Bagger: Dass zu viel abgeholzt wurde, ist unumstritten. „Das ist ein klarer Verstoß gegen das Artenschutzrecht“, sagt Rudolphi.

Die Stadt Kiel hat inzwischen ein Bußgeldverfahren eingeleitet, das bis zu 50.000 Euro Strafe nach sich ziehen kann. Außerdem wird sich die Staatsanwaltschaft Kiel mit dem Komplex befassen. Eine Straftat nach Bundesnaturschutzgesetz ist theoretisch möglich – neben Absicht oder Fahrlässigkeit werden dafür aber noch etliche Aspekte geprüft, so Oberstaatsanwalt Henning Hadeler.

Höffner hat bereits angekündigt, ein verhängtes Bußgeld zu zahlen. Auf Kosten des Unternehmens erstellen unabhängige Büros derzeit Gutachten, um Ausmaß und Auswirkungen der Naturzerstörung zu beurteilen und Möglichkeiten aufzuzeigen, wie der Schaden auf diesen Flächen und möglicherweise auf zusätzlichen Flächen wieder ausgeglichen werden könnte.

In den Fraktionen der Kieler Ratsversammlung wird das Thema zum Teil empört und heiß diskutiert – auch weil Stadtbaurätin Doris Grondke offenbar bereits Anfang November von den überdimensionierten Rodungen wusste, Oberbürgermeister Ulf Kämpfer aber erst Ende Januar die Öffentlichkeit darüber informierte. Ausdrücklich nahm der Oberbürgermeister seine Umweltverwaltung aber in Schutz. Sie habe „nach der Entdeckung der Schäden schnell gehandelt, sichergestellt, dass weitere Schäden nicht entstehen, die Verantwortlichen zur Rede gestellt und die Aufarbeitung unverzüglich veranlasst“.

Verschiedene Kieler Ratsmitglieder unterstellen Höffner Absicht – eine Einschätzung, die auch Schleswig-Holsteins Umweltminister Jan Philipp Albrecht teilt: Ende Januar hatte er sich mit der Ankündigung zu Wort gemeldet, auf Bundesebene härtere Strafen für Konzerne fordern zu wollen, die gegen Auflagen verstoßen. „Der Fall in Kiel ist erschreckend. Er belegt einmal mehr, dass der bisherige Strafrahmen offenbar keine abschreckende Wirkung hat. Sonst würden sich einzelne Firmen nicht immer wieder über die Regeln des Naturschutzes hinwegsetzen“, so der Minister.