Hausaufgaben für die Stadt

Rund 100 Gäste waren zur gemeinsamen Sitzung der Ortsbeiräte in die Hebbelschule gekommen. Foto: Jan Köster

Kiel. Soll die nördliche Kiellinie autofrei werden oder nicht? Das Thema ist ein Aufreger, und entsprechend voll war es bei der gemeinsamen Sitzung der Ortsbeiräte Wik sowie Ravensberg/Brunswik/Düsternbrook in der Aula der Kieler Hebbelschule, bei der es um dieses Thema ging. Neben den Vertretern der beiden Ortsbeiräte und des Kieler Tiefbauamts waren rund 100 Personen in die Aula gekommen, um drei Stunden lang mit Alltagsmaske im Gesicht zu diskutieren. Dabei ging es sehr sachlich und, von wenigen emotionalen Momenten abgesehen, unaufgeregt zu. Am Ende verabschiedeten die Ortsbeiräte eine Reihe von Forderungen an die Stadtplaner – im Wesentlichen geht es dabei darum, dass die zu erwartenden Auswirkungen einer geänderten Nutzung der Kiellinie möglichst frühzeitig erkannt werden und nachteilige Auswirkungen auf benachbarte Straßen wie die Feldstraße abgefedert oder vermieden werden.

Kern der Aufregung unter den Anwohnern im Bereich der Kiellinie war ursprünglich der Vorwurf, die Stadt Kiel habe sich bereits auf eine autofreie Kiellinie festgelegt. Diesem Vorwurf hatte Oberbürgermeister Ulf Kämpfer kurz vor der Sitzung in einem Interview mit den Kieler Nachrichten den Wind aus den Segeln genommen. Dort hatte er angekündigt, dass für den bevor stehenden Planungswettbewerb jedes Planungsbüro zwei Entwürfe abgeben soll: einen für eine Kiellinie ganz ohne Autos und einen, in dem Autos dort noch fahren können. Erst nach Abschluss des Wettbewerbs solle festgelegt werden, in welche Richtung die weiteren Planungen gehen sollen.

Was eine unvorbereitete Sperrung der Kiellinie bedeutet, hatten die Anwohner der benachbarten Straßen im September 2019 bereits erfahren können, als die Stadt Kiel wegen einer Baustelle die nördliche Kiellinie für gut zwei Wochen probehalber zur autofreien Zone mit breiter Fahrradspur und mehr Aufenthaltsqualität für Fußgänger machte. In dieser Zeit seien 6500 der 7000 Autos, die normalerweise täglich die Kiellinie entlang fahren, durch die Feldstraße gefahren, so der Vorsitzende des Ortsbeirats Ravensberg/Brunswik/Düsternbrook, Benjamin Walczak. „Das war unerträglich. Man konnte kaum die Straße überqueren.“ „Eine Katastrophe!“ „Man musste um halb Fünf aufstehen, weil es so laut war“ , sagten einige Anwohner während der Aussprache. Andere erinnerten sich begeistert an das Erlebnis einer autofreien Kiellinie.

Zur Abstimmung in der gemeinsamen Ortsbeiratssitzung standen ein Antrag, den Benjamin Walczak gemeinsam mit der Vorsitzenden des Ortsbeirats Wik, Ulrike Pollakowski, formuliert hatte, sowie ein Antrag von Dennis Schneider (CDU) vom Ortsbeirat Ravensberg/Brunswik/Düsternbrook. Der Antrag Walczak/Pollakowski fand im Ortsbeirat Ravensberg / Brunswik / Düsternbrook eine Mehrheit, im Ortsbeirat Wik aber nicht. Mit dem Antrag wird die Stadt aufgefordert, schon jetzt Maßnahmen zu erarbeiten, die eine mögliche zusätzliche Verkehrsbelastung insbesondere der Feldstraße durch eine Veränderte Kiellinie vermeiden können. Als Vorschläge sieht der Antrag zum Beispiel die Verlegung von Bushaltestellen in die Fahrbahn, Tempo-30-Bereiche und Radarblitzanlagen vor. Sie sollen die Feldstraße als schnelle Ausweichstrecke unattraktiv machen und damit einen Teil des Verkehrs auf die B76 lenken. Der Antrag fordert, zunächst den Straßenverkehr im gesamten Bereich um Kiellinie und Feldstraße zu reduzieren, bevor die Kiellinie möglicherweise ganz für Autos gesperrt werden kann. Auch ein verbessertes Mobilitätskonzept für die Arbeitnehmer in den Ministerien, im Landtag und anderen Institutionen in dem Bereich könne ein Mittel für eine Senkung des Verkehrsaufkommens sein.

Von beiden Ortsbeiräten verabschiedet wurde der Antrag von Dennis Schneider. Er fordert die Stadt Kiel im Kern dazu auf, die weitere Planung offen für alle Mobilitätsformen zu gestalten, sie mit einer transparenten Bürgerbeteiligung zu flankieren und die Auswirkungen von Veränderungen der Kiellinie durch „fundierte Analysen“ zu belegen. kst