Gelangweilte Propheten?

Schmierereien in Klassenräumen und Hörsälen sind immer auch klitzekleine Momentaufnahmen ihrer Zeit. Foto: Jan Köster

Kiel. Kann es sein? Gibt es vereinzelt Propheten unter Kieler Studierenden? Das fragte sich der Kieler Professor für Ur- und Frühgeschichte Dr. Ulrich Müller, als er vor Kurzem noch einmal einen Blick in die Dokumentation zu einer Übung mit Studierenden aus dem Wintersemester 2017/18 warf. Darin hatte der Professor mit Unterstützung von Studierenden wissenschaftlich exakt die Kritzeleien gelangweilter Studierender auf dem Gestühl im Johanna-Mestorf-Hörsal im Institut für Ur- und Frühgeschichte der Kieler Uni erfasst. Und unter anderem stand da: „Kiel“, dann ein gemaltes Herzchen und: „2. Bundesliga“ und direkt darunter: „bald 1. Liga“. Angesichts der Tatsache, dass Holstein Kiel im Moment ganz oben in der Zweiten Liga mitspielt und vor nicht allzu langer Zeit im Heimspiel gegen Bayern München zum DFB-Pokalsieger-Besieger wurde, wies Professor Müller die Redaktion des Kieler Express mit einem kräftigen Augenzwinkern auf diese „Weissagung“ von damals hin: „… vielleicht spannend, dass es bereits 2018 irgendwie vorhergesehen wurde“, so Müller.

Der archäologische Laie dürfte aber auch vielleicht schon darüber gestutzt haben, dass Kritzeleien wie „Das Haus vom Nikolaus“, „Ficken“, „Langweilig. Ach Nein.“, „Herta BSC“ oder „Flo H. stinkt“ im Mittelpunkt einer wissenschaftlichen Arbeit stehen. Der Hintergrund ist, dass Kritzeleien beziehungsweise Graffiti auf Tischen und Bänken oder auf den Mauern von Gebäuden ungefiltert das ausdrücken, was den Verfasser im Moment des meist heimlichen Anfertigens gerade bewegte.

Gegeben hat es Graffiti praktisch schon immer – schon in der Antike und davor. Auch auf der Vorderseite der Theke des antiken Schnellimbisses, der im Dezember in Pompeji ausgegraben wurde, hatte irgendjemand schon ein Graffiti eingeritzt. Mit etwas Glück liefern solche kurzen „Schmierereien“ kleine schlaglichtartige Hinweise auf Moden oder politische und gesellschaftliche Zustände der Zeit, in der sie entstanden. Seit etwa den 1970er-Jahren sind Graffiti aus der Vergangenheit darum Forschungsgegenstand für Soziologen, Psychologen, Sprachwissenschaftler und Kunsthistoriker. Erst in den vergangenen Jahren wurden sie zunehmend auch für Archäologen interessant.

Die kleine wissenschaftliche Arbeit, die Professor Müller dem Kieler Express geschickt hat, war, wie schon gesagt, das Ergebnis einer Übung mit Studierenden. Es ging darum, eine wissenschaftlich nachvollziehbare Methode zu entwickeln, um die scheinbar wahllos verteilten Krickeleien systematisch zu erfassen. Vielleicht sind die Ergebnisse dieser Übungen dann ja irgendwann hilfreich bei der Erfassung und der Erforschung noch ganz anderer Graffiti. kst