Eine Bühne für die queere Szene

Christina Dobirr gründet Kiels erste queere Theatergruppe für junge Leute. Foto: Svenja Paetsch

Kiel. Sie gibt der diversen Szene eine weitere Heimat: Christina Dobirr gründet Kiels erste queere Theatergruppe für junge Leute. Los geht es im September.

Die Idee trägt Christina Dobirr schon lange mit sich. „Ich habe zehn Jahre lang Kinder und Jugendliche im Schauspiel unterrichtet, unter anderem auch Jugendliche, die der queeren Szene angehören, sich das aber teilweise auch noch nicht ganz eingestehen konnten“, erzählt die ausgebildete Schauspielerin. Gerade diesen Jugendlichen habe das Schauspiel und das Selbstbewusstsein, dass sie mit dessen Hilfe aufgebaut hätten, enorm geholfen. Den konkreten Anstoß gab nun eine Förderung des Fonds der Landeshauptstadt „Zusammenhalt stärken – Teilhabe sichern“.

Am 15. September starten Christina Dobirr und ihre Kollegin Linda Stach nun die neue Gruppe „thea. Oder spiel mir doch etwas vor.“ Teilnehmen können Jugendliche und junge Erwachsene, die sich zur queeren Szene zugehörig fühlen – egal, ob mit oder ohne Schauspielerfahrung. „Queer“ ist ein Sammelbegriff für Personen, deren geschlechtliche Identität und/oder sexuelle Orientierung nicht der heteronormativen Norm entspricht. „Nicht jeder kann und will sich outen, und darum geht es bei ‚thea.‘ auch nicht“, erklärt Dobirr. „Stattdessen wollen wir einen sicheren Raum schaffen, den die Teilnehmer in der Schule, der Familie und im Freundeskreis vielleicht nicht haben.“ Ziel sei es, die Persönlichkeit zu stärken, ein Bewusstsein zu schaffen. „Damit können die Teilnehmer machen, was sie wollen. Sei es dann das Outing, sei es schlicht der Weg auf die Bühne oder der Weg raus aus dem Zimmer, weg vom Alleinsein und rein in die Gemeinsamkeit.“

Es gehe deshalb auch gar nicht darum, dass die queere Szene besonders im Vordergrund steht – auch nicht bei der Auswahl des Stückes. „Das entscheiden wir gemeinsam. Wir können natürlich auch Romeo und Julia spielen – oder eben Romeo und Romeo.“ Doch das ist noch Zukunftsmusik. Zunächst geht es ums Kennenlernen, dann um die Basics, um Körperarbeit, Stimme und Emotion. „Das muss erstmal sitzen. Dann können wir gucken, was sich daraus entwickelt“, erklärt Dobirr. Geplant und bereits bewilligt ist ein Tanzworkshop – ein Wochenende, in dem es um Körperarbeit und um das Mittel „Tanz“ geht.

„thea.“ Ist ein Pilotprojekt und zunächst bis Ende Mai gefördert, bis dahin treffen sich die Teilnehmer jede Woche. Ob am Ende des Projektes ein Stück entstehen wird, das man aufführen könne und wolle, sei noch nicht sicher, sagt Dobirr. Stattdessen sei dann im Anschluss, Ende Mai, eine Gruppe geplant, die jährlich auftritt. „Vielleicht stehen nachher auch einige nicht auf der Bühne. Wir benötigen genauso Personen im Background, fürs Schreiben, Kostüme, Licht.“

Gerade hat Christina Dobirr eine Kooperation mit dem Haki-Zentrum geschlossen. In deren Räumlichkeiten am Walkerdamm 17 werden sich die Teilnehmer treffen – und dort findet auch das erste Treffen am 15. September ab 17 Uhr statt. Wer mitmachen möchte, kann entweder spontan vorbeikommen oder sich vorher per E-Mail an thea.theater@gmx.de anmelden. Die weiteren Termine stimmen die Teilnehmer ab. Bei den Proben wird auf Abstand geachtet. Momentan ist Christina Dobirr noch auf der Suche nach einem weiteren Kooperationspartner, nach einem Ort, der eine Bühne hat. „Auf einer Bühne zu stehen, ist dann noch einmal etwas ganz anderes.“

Doch eine Bühne, der große Auftritt, ist nicht das Wichtigste. Christina Dobirr geht es vor allem darum, Jugendlichen und jungen Erwachsenen das Gefühl von Zugehörigkeit zu geben. „Noch dominieren und blockieren Angst, Unsicherheit, Homophobie, Social Media, Politik und Gruppendynamik für viele Menschen der Community die freie Entfaltung und das Outing“, erklärt Dobirr. „Wir sind eine Entfaltungsmöglichkeit. Eine Gruppe mit Gleichgesinnten.“ svp