Ein Schornstein schrumpft

Nur noch ein Stumpf ist von dem ehemals großen Schornstein übrig. Zusammen mit dem benachbarten alten Kesselhaus soll er ganz normal mit einem Bagger abgerissen werden. Foto: Jan Köster

Abriss des großen Kraftwerk-Schornsteins an der Kieler Humboldtstraße läuft nach Plan

Kiel. Er ist weg. Mit seinen 85 Metern Höhe hat der Schornstein des mehr als 100 Jahre alten Kraftwerks an der Humboldtstraße mitten in Kiel jahrzehntelang die Silhouette der Stadt mitbestimmt. Jetzt ist nur noch ein 20-Meter-Stumpf übrig, der von der Straße aus gar nicht mehr zu sehen ist.

Weil die Stadtwerke Kiel die Erzeugung von Wärme und Strom in diesem Kraftwerk inzwischen auf deutlich emissionsärmere Gasturbinen umgestellt haben und das Fernwärmenetz der Stadt mehr und mehr von Heizdampf auf Heizwasser umrüsten, sind die alten Kessel, Turbinen und Generatoren überflüssig geworden.

Die neuen Gasturbinen stoßen nur noch Wasserdampf und CO2 aus – dafür reichen die vier relativ kleinen Stahl-Schornsteine, die jetzt noch aus dem Kraftwerksdach ragen.„Den alten Schornstein zu sprengen, kam natürlich nicht infrage“, stellt Projektleiter Bastian Kremin von den Stadtwerken Kiel fest. Stattdessen haben zwei Spezialfirmen den alten Kamin von oben nach unten Stück für Stück zerkleinert und abgetragen. Die umlaufende Arbeitsplattform wurde jeweils in einen Drahtseilring gehängt, der um den Schornstein gespannt war. Viele solcher Seilringe im Abstand von rund 1,5 Höhenmetern ermöglichten es, dass die Arbeitsplattform mit dem schrumpfenden Schornstein nach unten wandern konnte.Mit einem rund 80 Zentimeter durchmessenden diamantbesetzten Sägeblatt und einer sehr kräftigen Säge begannen die Spezialisten im September des vergangenen Jahres damit, etwa 1,5 mal ein Meter große Stücke aus der Betonwand des Schornsteins zu sägen und sie in das Innere des Schlots zu stoßen. Im freien Fall kamen die tonnenschweren Stücke nach unten, wo sie auf einem Lager aus ineinander verknäuelten Stahlstangen landeten. Diese „Federmatratze“ sollte den Aufschlag dämpfen, damit die Server einer benachbarten Softwarefirma erschütterungs- und störungsfrei weiterlaufen konnten. Alles klappte bestens.Während der Schornstein schrumpfte, ließen die Stadtwerke Kiel auch bereits Teile der nicht mehr benötigten alten Dampfturbinen-Anlagen aus dem denkmalgschützten Turbinenhaus des Kraftwerks entfernen.
Ende November war der Schornstein nur noch 46 Meter hoch und damit „klein“ genug für den Einsatz eines großen Mobilkrans. Ab diesem Zeitpunkt sägten die Spezialisten vollständige, rund 1,5 Meter hohe und rund 15 Tonnen schwere Ringe ab, die der Kran als Ganzes abheben konnte. Planmäßig im Dezember war der alte Schornstein nur noch so hoch wie das alte Kesselhaus direkt nebenan. Zurzeit laufen darin die weiteren Arbeiten: das Zerschneiden und Entsorgen der alten Kessel. Sobald sie verschwunden sind, kann auch der Gebäudeteil, in dem sie standen, abgebrochen werden. Erledigen wird das dann ein normaler Abbruchbagger mit einem sehr langen Arm und einer hydraulischen Zange. Den 20-Meter-Stumpf des alten Schornsteins wird er dabei auch „wegknabbern“. Zum 1. Juni 2022 sollen die rund 4,5 Millionen Euro teuren Arbeiten abgeschlossen sein. kst