Ein Festungsturm für die Musik

Als einziger der Kieler Hochbunker für die Zivilbevölkerung wurde der heutige „Musikbunker“ der Kieler Musketiere mit rotem Klinker verblendet. Foto: kst

In Eigenarbeit bauten die Musketiere den Bunker zu ihrem Vereinsheim um

Bunker waren im Krieg die letzten Zufluchtsorte. Wer sie aufsuchen musste, fürchtete um sein Leben. Die Webseite www.bunker-kiel.de geht davon aus, dass es in Kiel mindestens 126 bombensichere Anlagen gab, ihre Reste sind noch heute zu finden. Einige Bunker werden wieder genutzt, teilweise als Orte zum Feiern oder für Hobbys. In einer kleinen, unregelmäßigen Serie stellt der Kieler Express solche Bunker vor. Heute: der „Musikbunker“ des Vereins Musketiere Kiel.

Kiel. Der „Musikbunker“ am östlichen Ende der Gablenzbrücke in Kiel ist eine Besonderheit: 1940 wurde er nach einem Entwurf des Architekturbüros Linde und Schroeder von der Berliner Spezialfirma für Industrie- und Luftschutzbauten Luz gebaut. Der sechsgeschossige Turm, der nach oben schlanker wird, versteckt seinen 2,5 Meter dicken Beton hinter einem roten Ziegel-Verblendmauerwerk und wirkt mit seinen Friesen entlang der Dachkante eher wie ein etwas deplatzierter Burgturm. In Kiel ist er der einzige der ehemals 28 Hochbunker für die Zivilbevölkerung, der in so einer Verkleidung gebaut wurde. Offenbar sollte der Bunker damals im Stadtbild nicht so sehr auffallen.

Heute gehört das Gebäude dem Verein Kieler Musketiere, der von dort aus schon seit vielen Jahren sein Abenteuerferien-Angebot „Kieler Zeltlager“ in einem Wald im bayerischen Partenstein organisiert und dessen Big Band sich dort auf ihre Auftritte vorbereitet. Der Verein wurde 1961 unter dem Namen „Gemeinschaft Deutscher Jugend“ gegründet. Der heutige Name stammt aus den 1980er-Jahren, als der Fanfarenzug des Vereins mit der Aufnahme weiterer Instrumente sein Repertoire verbreiterte und sich einen neuen Namen gab, der zu den Landsknecht-Uniformen passte, die die Musiker damals bei Auftritten trugen. Später marschierten die Vereinsmusiker als Marching-Brassband bei Veranstaltungen. „Heute marschieren wir nicht mehr“, sagt Birka Hussong, die 1. Vorsitzende des Vereins.

Die heutige Big Band des rund 40 Mitglieder starken Vereins zählt 13 Musiker. Wenn die Big Band in den umliegenden Altenheimen auftritt, erleben es die Musiker immer wieder, dass einer der alten Menschen sich im Gespräch an den Bunker erinnert und sagt: „Da hab ich auch mal Schutz gesucht“.

Nach dem Krieg sprengten die Engländer große Öffnungen in die Vorder- und Rückseite und in das drei Meter dicke Betondach des Bunkers. Später wurden diese Öffnungen wieder mit Fenstern und einem Glasdach verschlossen, um die Räume des Bunkers nutzbar zu machen. Ganz oben ist durch den herausgesprengten Beton die Raumhöhe deutlich größer als in den Stockwerken darunter. Dort ist Platz zum Tanzen und Springen, deshalb hat der Verein dort einen Party-Raum mit Tanzfläche, Licht- und Musikanlage und Tresen eingerichtet. Eine Etage darunter ist Platz, um Tische aufzustellen und zu essen. Die beiden obersten Etagen vermieten die Musketiere auf Anfrage hin und wieder auch für externe Feiern. Die Etage darunter ist an die Karnevalsgesellschaft Fidelitas vermietet, die sich dort trifft und unter anderem ihr Archiv betreibt. Die erste und zweite Etage nutzen die Musketiere selbst: Dort sind der Clubraum und der Probenraum. Ganz unten im Erdgeschoss sind Vorratsräume und die Haustechnik untergebracht. Im Heizungsraum sind die Wände noch im Originalzustand – „Ausgang“ steht dort in schwarzer Frakturschrift an der Wand. Die Tür, auf die der rote Pfeil darunter zeigt, ist längst zugemauert.

Als die Musketiere den Bunker 1973 anmieteten, war er wenig mehr als eine Ruine, es gab eine funktionierende Glühbirne und einen abgestellten Wasseranschluss. In jahrelanger Eigenarbeit bauten die Vereinsmitglieder ihren Bunker so aus, dass er nutzbar wurde. Das Bundesvermögensamt, dem der Bau damals gehörte, spendierte neue Fenster. Als 1985 ganz oben im Bunker strenger Frost eine Wasserleitung platzen ließ, flossen rund 20.000 Liter Wasser durch alle Etagen. Danach wollte das Bundesvermögensamt den Bunker verkaufen. Die Kieler Verkehrsbetriebe hatten das Vorkaufsrecht, doch der Abriss, um dort eine neue Auffahrt zum Betriebsgelände zu bauen, entpuppte sich als zu teuer. Also griffen die Vereinsmitglieder zu und kauften den Bunker 1986 selbst. Mit Konzerten und Sponsoren gelang es, das Geld aufzubringen, um den Bunker – wieder vor allem in Eigenarbeit der Mitglieder – endlich „richtig“ zu modernisieren. Seit 1991 ist der Bunker bezahlt und gehört offiziell dem Verein Kieler Musketiere. Dass die Vereinsgemeinschaft bis heute gut funktioniert, führt die Vereinsvorsitzende Birka Hussong auf dieses ganz besondere Vereinsheim zurück: „Der Zusammenhalt kommt auch durch das Gebäude“, ist sie sich sicher. Wer die Gemeinschaft der Musketiere und den „Musikbunker“ kennenlernen möchte und schon ein „tiefes Blech“ spielt, also zum Beispiel Posaune oder ein Tenor- oder Bariton-Horn, kann sich gern beim Verein melden – solche Instrumente könnte die Big Band noch gut gebrauchen. Jan Köster

Weitere Informationen und Kontaktdaten zum Verein gibt es im Internet unter www.kieler-musketiere.com