Ein Bild für alle Lebenslagen

Heute stellt Dr. Sabine Behrens, Leiterin des Künstlermuseums Heikendorf, ihr Lieblingsbild "Fütterung" von Werner Lange vor. Fotos: Künstlermuseum Heikendorf

„Welches Stück in Ihrem Museum ist Ihr persönliches Lieblingsstück und warum?“ – Diese Frage beantworten die Leiterinnen und Leiter von Museen aus dem Verbreitungsgebiet des Kieler Express’ in einer kleinen Artikelserie.

In Folge 3: Dr. Sabine Behrens vom Künstlermuseum Heikendorf.

Heikendorf. „Ich habe lange überlegt“, sagt die Museumsleiterin Dr. Sabine Behrens. Ihre Wahl fiel auf das 56 mal 48 Zentimeter große Bild „Fütterung“ von Werner Lange – für die Kunsthistorikerin gewissermaßen das persönliche Bild für alle Lebenslagen: „Wenn ich gut gelaunt hineingucke, guckt es gut gelaunt wieder heraus. Wenn ich nicht so gut gelaunt bin, ist es aufmunternd, und wenn ich Hilfe brauche, stärkt es mich.“

Das Bild ist Eigentum des ehrenamtlich betriebenen Künstlermuseums Heikendorf. Sabine Behrens hat sich lange damit beschäftigt, und sie hat sich intensiv mit Werner Lange beschäftigt. 1888 kam er in Kiel zur Welt, 1955 starb er dort. Als der Künstler 1953 „Die Fütterung“ malte, lebte er mit Frau und drei Kindern in der Künstlerkolonie Heikendorf und hatte fast sein ganzes Leben schon hinter sich.

Vor dem Ersten Welktrieg machte Lange zunächst in Hamburg eine Ausbildung zum Dekorationsmaler. In Paris bei Otto Freundlich und in Berlin als Gehilfe von Cesar Klein nahm er den noch jungen Expressionismus auf. Im Ersten Weltkrieg war er Soldat. Danach kam er zurück nach Kiel, wo er von 1919 bis 1943 an der damaligen Kunstgewerbeschule, der Vorläuferin der heutigen Muthesius-Kunsthochschule, unterrichtete. 1919 wurde er Mitglied der Expressionistischen Arbeitsgemeinschaft Kiel. Als die Gruppe ihre Werke in der Kieler Kunsthalle zeigte, kam es zum Skandal: Für den damaligen Massengeschmack waren die Bilder zu radikal anders. Nach zahlreichen Beschwerden wurde die Ausstellung abgebrochen.

Seit 1938 hatte Werner Lange ein eigenes Atelier in der Künstlerkolonie Heikendorf. Sein Stil veränderte sich mehrfach, unter anderem malte er auch Landschaftsaquarelle, nach dem Zweiten Weltkrieg schuf er düster-bedrückende Totentanzbilder.

Wenn Sabine Behrens all das erzählt, wird deutlich, dass „Die Fütterung“ ganz viel über den Menschen Werner Lange verrät. Es ist Expressionismus drin, ein bisschen Kubismus, ein Hauch von Landschaftsmalerei, ein bisschen Düsternis und Leere, aber auch ganz viel Fürsorge und Schutz. Der Arm der Person wird zu einem „Schwänchen“, wie Sabine Behrens sagt, der große Vogel kommt und füttert den kleinen. Der Inhalt ist eigentlich klar zu erkennen, aber doch nicht realistisch dargestellt, und gerade die Details lassen viel Raum zum Nachdenken: Was zum Beispiel ist vorn und was im Hintergrund?

Sabine Behrens ist wie Werner Lange im Verlauf von Ausbildung und Berufsleben auch schon ein bisschen herumgekommen: Hamburg, Lemgo, Flensburg, sogar ein Jahr New York. Und doch hat auch sie sich für Heikendorf entschieden – „Ich will am Wasser bleiben“, sagt sie. Vielleicht hat sich Werner Lange damals aus ganz ähnlichen Motiven in Heikendorf niedergelassen? Mit seinem Bild „Die Fütterung“ ist Sabine Behrens auf jeden Fall noch längst nicht fertig: „Man kann immer wieder neu reingucken. Es hält seine Spannung“, sagt sie. kst

Das Künstlermuseum Heikendorf

Regionale Kunst steht im Mittelpunkt des Museums. Die auf insgesamt rund 150 Quadratmetern ausgestellten Arbeiten zeigen die Geschichte der Malerei vom norddeutschen Impressionismus bis zum späten Expressionismus an den Werken der Heikendorfer Künstler. Dazu kommen aber regelmäßig Wechselausstellungen mit europäischer und internationaler Malerei. Eine besondere Oase ist der Museumsgarten. Träger des Museums ist die Heinrich-Blunck-Stiftung.

Im September 2000 öffnete das Museum im ehemaligen Wohnhaus des Künstlers Heinrich Blunck. Zu der ehemaligen Heikendorfer Künstlerkolonie, deren Mitglieder in Heikendorf und in Dörfern rundherum ansässig waren, gehörten neben Heinrich Blunck die Maler Georg Burmester, Rudolf Behrend, Werner Lange, der besonders durch seine exquisiten Farbholzschnitte bekannte Oskar Droege und die Bildhauerin Karin Hertz. Ihnen gemeinsam war eine enge Beziehung zur Natur, zum Meer mit seinen wechselvollen Licht- und Farbspielen und zur ländlichen Umgebung mit ihrer typischen Bebauung.

Auch das Künstlermuseum Heikendorf kann seine Ausstellungsräume nur gemäß den jeweils aktuellen Regelungen öffnen. Eine kleine Extraausstellung zeigt das Museum im verglasten Pavillon in der Heikendorfer Dorfstraße. Teichtor 9 in Heikendorf. Tel. 0431/248093, www.kuenstlermuseumheikendorf.eu