Digitale Kerzen als Symbol der Trauer

Kerzen als Zeichen der Trauer: Der Vorsitzende des Vereins "Groschendreher - Kieler Bündnis gegen Altersarmut", Benjamin Walczak, zeigt die Internetseite zum digitalen Gedenken an die Corona-Toten. Foto: göd

„Groschendreher“ eröffnen Gedenk-Webseite für Corona-Opfer

Die Zahl der Menschen, die im Zusammenhang mit dem Coronavirus in Kiel gestorben sind, nähert sich der Marke 100. Vor genau einem Jahr, am 22. März, wurde der erste Todesfall gemeldet. Aus diesem Anlass hat der Verein „Groschendreher – Kieler Bündnis gegen Altersarmut“ eine Internetseite angelegt, um der Toten zu gedenken.

„Hinter jedem Fall steht ein individuelles Schicksal“, sagt der Vereinsvorsitzende Benjamin Walczak: „Häufig versterben Seniorinnen und Senioren einsam.“ Für die Angehörigen sei das Abschiednehmen und Trauern erschwert. Nur in sehr kleinem Rahmen sind Trauerfeiern möglich. Für jeden verstorbenen Menschen steht auf der Seite eine Kerze. Die Angehörigen haben die Möglichkeit, kostenlos den Namen, einen Text und ein Bild zu hinterlegen. „Die Angehörigen können mit unserer pädagogischen Mitarbeiterin besprechen, wie der Text lauten könnte“, sagt Walczak, der sich ehrenamtlich für den Verein engagiert und beruflich als Informatiker im Bereich Datenschutz arbeitet.

Jeweils am Wochenbeginn werden die Kerzen für die in den vergangenen sieben Tagen Verstorbenen eingestellt. Die Idee stamme nicht von ihm, sondern er habe sie übernommen, sagt Walczak. Entsprechende Aktionen in Zeitungen hätten ihn beeindruckt, beispielsweise die temporäre Aktion der New York Times, die auch biografische Geschichten zu den Fällen veröffentlicht habe.

Zum 2019 gegründeten Verein gehören Privatleute, die Stadt Kiel, Wohlfahrtsverbände, Stiftungen, Kirchengemeinden und andere Organisationen. „Wir nutzen den Begriff Altersarmut in einem weiten Sinn“, erläutert der Vorsitzende. „Auch Isolation gehört dazu.“ Die meisten Angebote brechen in der Corona-Zeit weg, angefangen von der Seniorengymnastik bis zum Ausflug. „Auch Stadtteilfeste als Highlights, bei denen man nicht viel oder gar nichts ausgeben muss, fallen aus.“ Ältere Menschen in sozialen Notlagen würden seltener digitale Möglichkeiten nutzen, um zum Beispiel mit anderen über Videotelefonie in Kontakt zu bleiben. Wegen der Befürchtung, sich anstecken zu können, blieben viele eher zu Hause.

Auch um die Gesundheit älterer Menschen geht es dem Verein. Die ist nicht nur durch Covid-19 gefährdet. „Aufgrund der Angst, sich in Praxen anzustecken, gehen eine Reihe von Senioren und Seniorinnen beispielsweise seltener zu Vorsorgeuntersuchungen.“ Das Bündnis vernetzt nicht nur Projekte, sondern schiebt auch eigene an. So werden beispielsweise seit einiger Zeit kostenlos FFP2-Masken an über 60-Jährige verschickt. Und mit dem neuen Projekt, das nun startet, möchte der Verein „der Pandemie und ihren Opfern ein Gesicht geben“.göd

Die Homepage zu den an und mit Covid-19 Verstorbenen ist zu finden unter www.corona-gedenken-kiel.de; nähere Infos gibt es unter Tel. 017616616571 oder in-fo@groschendreher.de