Digital kann ja jeder

Unter dem Namen Minzeis macht der Kieler Leonard Blum elektronische Musik. Kern ist dabei ein analoger Sythesizer. Foto: kst

„Minzeis“ macht moderne Elektro-Musik sozusagen in Handarbeit

Kiel. Digitale Technik ist überall im Vormarsch, auch wenn es um die Produktion von Musik geht – simple Apps erlauben es sogar musikalisch-technisch Ahnungslosen, auf dem Smartphone Sounds und Musikstücke zu generieren. Aber es gibt auch Enthusiasten wie Leonard Blum, die es richtig kompliziert mögen. Der 24-jährige Kieler gehört zu einer weltweiten Szene von Amateur- und Profimusikern, die mit einer Technik arbeiten, die aus einer Zeit stammt, in der Telefone noch mit Kabeln an der Wand befestigt waren.

Der 24-Jährige macht unter dem Namen „Minzeis“ Techno der etwas chilligeren Art, also Richtung Trance und Spacesynth. Sein Hauptgerät für die Sounderzeugung ist ein analoger Synthesizer. Mit solchen Maschinen, die optisch vor allem aus Kabelsalat und Knöpfen bestehen, haben schon die frühen Pink Floyd, Kraftwerk oder Jean-Michel-Jarre Musik gemacht.

Der Synthesizer von Leonard ist zwar moderner und kleiner als die Geräte der 1960er- und 70er-Jahre, aber sonst genau das Gleiche: Eine Holzkiste mit Einschubmöglichkeiten für einzelne elektronische Module. Jedes Modul hat beleuchtete, teilweise blinkende Dreh- und Schieberegler und Steckbuchsen für Kabel. „Das Kernstück ist der Oszillator. Der erzeugt einen Dauerton“, erklärt Leonard. Diesen Dauerton leitet er durch das Stecken eines Kabels an eines der Module, mit dem er den Ton verändert, den veränderten Ton kann er über weitere Kabel an weitere Module schicken und durch solche Kombinationen Sounds in buchstäblich unzählbaren Variationen erzeugen. Dazu kann er vorproduzierte und abgespeicherte Melodiestückchen und Base-Drums abrufen, mit weiteren Kabeln weitere Sounds kombinieren und alles ineinander mischen. Wie sich das anhört und wie das aussieht, hat „Minzeis“ vor ein paar Wochen bei seinem Auftritt im Rahmen der Livestream-Konzertreihe im Kieler Medusa gezeigt: Dort stand er mit seinem Synthesizer auf der Bühne, steckte Kabel, schob blinkende Schieberegler, drehte leuchtende Knöpfe und machte damit live eine halbe Stunde Techno-Konzert. „Da bin ich zum ersten Mal nur mit dem Synthesizer aufgetreten. Das ist gut gelaufen, ich könnte mir gut vorstellen, das noch mal wieder zu machen“, sagt Leonard.

Von Beruf ist der 24-Jährige Erzieher in einer Kita in Kiel. „Das mit der Musik hat sich so entwickelt“, sagt er. Als Leonard vor Jahren mit Freunden Hörspiele machte und sie auf dem Youtube-Kanal „Traumkosmos“ veröffentlichte, brauchte das Team dafür urheberrechtlich unbedenkliche Musik, also fing er an, selbst welche auf dem Computer zu komponieren und zu produzieren. Irgendwann nutzte er dafür auch schon Programme, die einen Synthesizer simulieren. Sogar Kabel stecken kann man da – per Mausklick. Doch als der Kieler 2018 in Rom ein Fachgeschäft für analoge Synthesizer entdeckte, kaufte er einen echten.

Die Musik, die er als „Minzeis“ auf den Plattformen „Bandcamp“ und „Soundcloud“ veröffentlicht, ist am Computer gemischt und digitalisiert, aber die ursprünglichen Sounds hat Leonard mit seinem analogen Synthesizer erzeugt. „Klar, auch mit Software kann man alles Mögliche machen, aber letztlich läuft alles über den Soundchip des Computers“, sagt Leonard. „Im Synthesizer hat aber jedes Modul seinen eigenen Charakter. Das ergibt einen anderen Sound. Und es macht mir einfach Spaß, an richtigen Reglern zu drehen und echte Kabel zu stecken.“ kst