Die letzten Tage: Der Krieg in Kiel, Teil 2

Am 2. Mai 1945 posierte die Crew eines Mosquito-Bombers der britschen Royal Air Force auf dem Stützpunkt Downham Market in Norfolk mit einer der allerletzten Bomben, einer schweren Luftmine, die auf Kiel abgeworfen wurden. Foto: Chris Coverdale / Path Finder Force

In diesem Jahr jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Mit einer dreiteiligen Serie erinnert der Kieler Express an den Krieg und sein Ende in Kiel.

Kiel. Am Ende der Bombardierungen und Tieffliegerangriffe des Krieges waren in Kiel rund 167.000 Menschen obdachlos. Knapp 3000 Menschen waren durch die Angriffe getötet, mehr als 5000 verletzt worden – Soldaten und Polizeiangehörige sind dabei noch gar nicht mitgezählt.

Dass die Zahl der Toten nicht noch höher war, lag auch am Einsatz der Zwangsarbeiter. Bis zu 30.000 arbeiteten zu Kriegszeiten in Kiel. Viele von ihnen waren aus den besetzten Gebieten als Sklaven zur Arbeit nach Deutschland verschleppt worden, und auch Kriegsgefangene gehörten dazu. In Kiel arbeiteten die Zwangsarbeiter in den verschiedensten Bereichen, in Firmen aber auch in Familien. Und sie bauten die Kieler Bunker mit, in denen viele Einwohner dann Schutz suchten. Nach den Luftangriffen mussten Zwangsarbeiter beim Löschen von Bränden helfen, bei der Bergung und dem Transport von Verletzten und der Räumung von Trümmern. Auch die lebensgefährliche Entschärfung von Blindgängern mussten immer wieder Zwangsarbeiter übernehmen. Die Arbeitsbedingungen waren häufig mieserabel, vor allem für Zwangsarbeiter aus den Ostgebieten. Doch wer nicht spurte oder sogar protestierte, wurde brutal bestraft.

Im Frühjahr 1943 errichtete die Geheime Staatspolizei (Gestapo) am Drachensee in Kiel ein sogenanntes „Arbeitserziehungslager“ für die „Besserung arbeitsunlustiger Elemente“. Ab Sommer 1944 kam das Arbeitserziehungslager „Nordmark“ in Russee dazu, das für die Häftlinge eine unvorstellbare Hölle war. Innerhalb kurzer Zeit wurden sie dort durch Hunger, Durst, Kälte, Nässe, Schläge, Verletzungen und härteste Arbeit zerstört. Wer nach zwei oder drei Wochen Arbeitserziehungslager tatsächlich an seinen Arbeitsplatz zurückkehrte, muss ein ausgemergeltes, abschreckendes Beispiel für seine Kollegen gewesen sein. Wenn überhaupt jemand zurückkehrte. Anwohner im Speckenbeker Weg und ehemalige Häftlinge berichteten von täglichen Toten, von Schüssen und Schreien sogar von entkräfteten arbeitsunfähigen Gefangenen, die von den SS-Wachen gesteinigt wurden. Ein Gefängnis im Gefängnis war der „Bunker“. Seine auch im Winter ungeheizten, ein mal zwei Meter kleinen fensterlosen Zellen dienten dazu, die Gefangenen weiter zu quälen. Der Boden der Zellen im Bunker stand häufig unter Wasser, als „Mobiliar“ diente den Gefangenen ein Brett auf dem Boden, eine Decke gab es nicht. Obwohl das Lager in Hassee gerade mal zwölf Monate in Betrieb war, wurden dort etwa 5000 Gefangene gequält, etwa 600 von ihnen starben an Entkräftung, Erfrierungen und Darmkrankheiten oder wurden ermordet. Noch im April 1945 und ganz kurz bevor die Briten Kiel erreichten, ließ die Gestapo systematisch zahlreiche Gefangene im Lager Nordmark erschießen.

Im April 1945 war Kiel schon nur noch ein Trümmerhaufen, der immer weiter bombardiert wurde. Ein Angestellter des Marinearsenals, der mit seiner Familie in der Reventlouallee wohnte, hielt die Zeit von Mitte April 1945 bis zum Kriegsende in Notizen fest. Am 25. April notierte er: „Mehrfacher Alarm. Lockere Fliegerverbände werfen Bomben und Luftminen im ganzen Stadtgebiet. Man kommt nicht mehr in die Innenstadt. Niemand wagt, grössere Wege zu machen. Seit einigen Tagen Tiefflieger über Kiel, die auf Strassenpassanten schiessen. Züge und Autos werden oft angegriffen.“ Viele Menschen verbrachten zu dieser Zeit praktisch jede Nacht im Bunker. Bei Bombenangriffen war es dort manchmal so voll, dass die Kerzen der Notbeleuchtung wegen Sauerstoffmangel erloschen.

Als die Aliierten immer näher rückten, beschlossen die Nazis, die „Festung Kiel bis zum letzten Stein“ vom „Volkssturm“ verteidigen zu lassen. Wer gerade mal alt genug oder gerade noch nicht zu alt war, um eine Waffe zu halten, sollte eine bekommen und damit Kiel verteidigen. Schüler lagen mit Maschinengewehren in den Vorgärten von Kieler Häusern und warteten auf den Feind. Für den Fall der endgültigen Niederlage sollten Sprengkommandos letzte Industrieanlagen und Infrastruktur in Kiel zerstören, die den Siegern nicht in die Hände fallen sollten. Es kam nicht dazu. Teilweise weil es einfach keinen Sprengstoff mehr gab, teilweise verhinderten Angestellte die Sprengung ihrer Firma, und es gibt auch Berichte, dass Erwachsene den bewaffneten Schülern in ihrem Vorgarten einfach sagten, sie sollten den Unsinn lassen und zu ihren Familien gehen. Und schließlich gab nach Hitlers Selbstmord dessen Nachfolger Großadmiral Dönitz in der Nacht auf den 3. Mai den Befehl, Kiel nicht mehr zu verteidigen. Dadurch erklärte er Kiel zur „offenen Stadt“. Weil die Alliierten keine Gegenwehr mehr beim Einmarsch in Kiel zu erwarten hatten, stoppten sie die Bombenangriffe – der letzte große war am 2. Mai.

Dönitz befahl auch, alles noch vorhandene Kriegsmaterial zu vernichten und aktivierte den Befehl „Regenbogen“, der lange vorher vorsorglich vorbereitet worden war: Noch vorhandene Marineschiffe, U-Boote und Docks wurden durch Sprengung oder durch das Öffnen von Luken in der Kieler Förde versenkt: Insgesamt 140 Schiffe und 35 U-Boote, die zum Teil aber schon vorher durch Bombentreffer beschädigt worden waren. Waffen, Akten, Unterrichtsfilme, Karten wurden verbrannt. Was noch an Munition vorhanden war, wurde am 3. Mai ab 6 Uhr früh verschossen. Die Geräuschkulisse ließ die Kieler an einen weiteren Angriff glauben und scheuchte sie an diesem Tag noch einmal in die Bunker. Der letzte tatsächliche Luftalarm war der 633. in der Nacht auf den 4. Mai – Bomber tauchten dabei aber nicht mehr über Kiel auf.

Am 4. Mai 1945, einem Freitag, warteten die besiegten Kieler auf die Sieger. Der Angestellte des Marinearsenals notierte für diesen Tag: „War kurze Zeit in der Stadt. Alles nervös. Man steht in Gruppen zusammen. Alle Nazi-Geschäftsstellen sind beseitigt.“ Dass die Sieger an diesem Tag tatsächlich in Kiel eintrafen, bekamen aber nur wenige mit. Gegen 16 Uhr rollte ein kleines Vorauskommando der Briten auf den Rathausplatz: ein paar Fahrzeuge, wenige Soldaten. Die Briten gingen ins Rathaus, teilten Bürgermeister Behrens mit, dass sie die Stadt übernähmen und verhängten ein Ausgehverbot für die Nacht. Danach fuhren sie wieder ab. Für die Kieler war der Krieg beendet. Jan Köster