Die Hand der Ernestine K.

Eva Fuhry leitet die Medizin-- und Pharmaziehistorische Sammlung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Die Handabformung hat für sie auch bedeutung über den medizinhistorischen Wert hinaus. Fotos: Medizin- und Pharmaziehistorische Sammlung / kst

„Welches Stück in Ihrem Museum ist Ihr persönliches Lieblingsstück und warum?“ – Diese Frage beantworten die Leiterinnen und Leiter von Museen aus dem Verbreitungsgebiet des Kieler Express’ in einer kleinen Artikelserie. In Folge 6: Eva Fuhry, Leiterin der medizin- und pharmaziehistorischen Sammlung der Universität Kiel.

Kiel. Von einem Stück Stoff umrahmt sieht die Hand aus, als würde sie unter einer Decke hervorlugen. Sie ist aus Wachs, eine so genannte „Moulage“, ein Lehrmittel für Medizinstudenten aus einer Zeit, in der die Farbfotografie noch nicht erfunden war. Jedes Fältchen in der Haut ist vorhanden, jede noch so kleine Unebenheit, jede Schattierung der Hautfarbe und auch das unappetitliche Geschwür nahe dem verfärbten Nagel des Mittelfingers wirkt absolut echt. Das Geschwür ist ein Symptom der Geschlechtskrankheit Syphillis, wie Eva Fuhry erklärt. Als der Moulageur Alfons Kröner diese lebensechte Wachsabformung 1905 herstellte, waren Geschlechtskrankheiten noch verbreitet und Antibiotika für ihre Behandlung gab es noch nicht. Zu lernen, diese Krankheiten erkennen zu können, war wichtig für die damals angehenden Mediziner. Moulagen waren die Lehrmittel dafür. Ein Gipsabdruck der betroffenen Hautpartie wurde zunächst mit Wachs ausgegossen und dann direkt am Patienten nachmodelliert und einfärbt. Allein in der medizin- und pharmaziehistorischen Sammlung der Kieler Uni gibt es 455 dieser extrem aufwendig und teuer hergestellten Lehrstücke.

Aber was ist für Eva Fuhry das Besondere gerade an dieser Handmoulage? – „Das ist die Hand einer Hebamme, die sich bei der Ausübung ihres Berufs infiziert hat. Das kann man abgeklärt betrachten, aber wenn man weiß, dass es eine Hebamme war, hat das etwas Anrührendes. Auch wenn man sich klar macht, dass auch das Kind in höchster Gefahr war, sich bei der Geburt mit Syphillis zu infizieren.“ Für die Biologin und Medizinhistorikerin spielt auch die soziale Komponente eine Rolle: Welchen Zugang speziell Frauen damals in Abhängigkeit von ihrem Sozialen Status zu Informationen hatten, wie sie sich vor solchen Krankheiten schützen konnten. Oder auch, ob sie überhaupt die Möglichkeit hatten, ihre Krankheit medizinisch behandeln zu lassen. Und noch etwas ist besonders: Während die heutigen Datenschutz-Standards sicherstellen würden, dass keine bestimmte Person mit dieser Moulage in Verbindung gebracht werden kann, war es damals offenbar besonders wichtig, sich klar zu machen, dass die abgeformten Hautveränderungen und -Zerstörungen nicht das Ergebnis einer künstlerischen Fantasie waren, sondern wirklich nach dem Vorbild einer bestimmten lebenden Person gefertigt wurden. Ernestine K. hieß die Hebamme, auch das ist auf der Rückseite der Trägerplatte der Handmoulage fein säuberlich vermerkt.

Noch bis etwa 1930 boten Moulagen die beste Möglichkeit, sich mit den Anzeichen bestimmter Krankheiten vertraut zu machen, danach wurden die künstlerischen Wachsabformungen mehr und mehr durch Farbfotografien ersetzt. kst

Die Medizin- und Pharmaziehistorische Sammlung

Die Medizin- und Pharmaziehistorische Sammlung in der Bruswiker Straße 2 in Kiel gehört zur Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Die Dauerausstellung und Extra-Ausstellungen wie die aktuell gezeigte Ausstellung „Female Remains. Frauenschicksale und die Vermessung der Geburt“ sollen den Besuchenden die Chance geben, sich von den Stücken und Zusammenhängen aus der Geschichte der Pharmazie und der Medizin berühren zu lassen und hier und da auch Zusammenhänge zwischen den medizinischen Fragestellungen von damals und heute herzustellen. Neben historischen Geräten aus der Pharmazie und Medizin – unter anderem eine komplette Apothekeneinrichtung vom Ende des 19. Jahrhunderts, zeigt die Sammlung auch eine Reihe von Fotos und Originalpräparaten krankhaft veränderter Organe.

Aktuelle Infos zu den Öffnungszeiten und -modalitäten gibt es auf www.med-hist.uni-kiel.de oder per Mail an medmuseum@med-hist.uni-kiel.de