Die Briten sind da. Der Krieg in Kiel – letzter Teil

Das Kriegsende brachte den Kielern nicht nur den Frieden, sondern stellte sie auch vor die Aufgabe, in der vollkommen zerstörten Stadt zu überleben und sie wieder aufzubauen. Foto: Stadtarchiv Kiel

In diesem Jahr jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Der Kieler Express erinnert mit einer dreiteiligen Serie an den Krieg und sein Ende in Kiel.

Kiel. Am 3. Mai 1945 kehrte Ruhe ein in Kiel. Keine Bomben mehr, keine Tiefflieger, die auf Passanten und Autos schossen. Mehrere Zeitzeugen berichten von Plünderungen an diesem und am folgenden Tag: An verschiedenen Stellen in der Stadt gab es Lager für Lebensmittel, Kleidung und andere Dinge, die im zerbombten Kiel schon lange kaum noch zu bekommen waren – in Lagerhäusern am Hafen oder unauffällig in Wohnhäusern in der Stadt, auf Schiffen oder auch im Marinearsenal. Viele Kieler holten sich, was sie kriegen konnten.

Und sie hatten Angst. Denn ebenso wie es Gerüchte gab, die Engländer seien schon ganz in der Nähe von Kiel, gab es auch Gerüchte, die Russen könnten noch schneller sein und vor den Engländern ankommen – den Russen eilte der Ruf von „Bestien“ voraus, die den besiegten Kielern Schreckliches antun würden.

Während die Kieler auf die Sieger warteten und sich viele beeilten, Kieler Nazi-Geschäftsstellen verschwinden zu lassen und Uniformen, Akten und Parteibücher zu verbrennen, gab es tatsächlich so etwas wie ein Wettrennen zwischen Briten und Russen auf Schleswig-Holstein. Durch einen schnellen Einsatz von Fallschirmjägern gelang es den Briten aber, die russische Armee bei Wismar auf ihrem Weg nach Westen so lange aufzuhalten, bis die britische Armee in Schleswig-Holstein angekommen war. Doch noch bevor ab dem 6. Mai die Briten mit zahlreichen Panzerwagen, Panzern und Soldaten in Kiel einrückten, waren unauffällig schon andere englische Soldaten dagewesen. Heute weiß allerdings niemand mehr, wer dieses kleine Grüppchen von britschen Soldaten war, das schon am 4. Mai im Kieler Rathaus Oberbürgermeister Walter Behrens von der Übernahme der Stadt durch ihre Armee unterrichtete. Viele Kieler bekamen diesen ersten Kontakt ihrer Stadt mit dem Sieger gar nicht mit.

Unauffällig war auch der Einsatz von Major Tony Hibbert, der zu den geheimen „Target-Forces“ oder „T-Forces“ der britischen Armee gehörte. „Target“ heißt „Ziel“, die Aufgabe der T-Forces bestand darin, auf feindlichem Gebiet so schnell wie möglich Technik und Know-how zu sichern. Dafür gehörten auch Spezialisten, die einen Safe sprengen konnten, zu den T-Forces. Mit rund 350 Mann sollte Hibbert am 5. Mai in Kiel noch vor dem Eintreffen der britischen Armee kriegswichtige Dokumente sichern, Wissenschaftler und Spezialisten inhaftieren und noch nutzbare Industrie wie die U-Boot-Motorenwerke Walter, die Elektroakustikfirma Elac oder auch das Torpedowerk der Deutschen Werke Friedrichsort übernehmen. Auch im Marineoberkommando, dem heutigen Landeshaus, war Hibbert, um mit dortigen Offizieren die Kommando-Übernahme durch die Briten vorzubereiten.

Vielleicht waren diese T-Force-Einheiten genau die Briten, auf die der damals knapp 17-jährige Hans Krohn am 5. Mai am Hindenburgufer – heute: Kiellinie – traf. „Die machten dort Rast und irgendwie ‘ne Brotzeit auf ihrem Jeep. Und da bin ich dann rüber gegangen und habe nach Brot gefragt und hab meinen einzigen Orden, den ich bekommen habe, ein Kampfabzeichen für mehrere Abschüsse unserer Batterie, gegen zwei Brote eingetauscht“, erzählt Hans Krohn später im Interview beim Kriegszeugen-Projekt des Vereins Mahnmal Kilian.

Am 6., 7. und 8. Mai trafen dann immer mehr britische Fahrzeuge, Panzer und Soldaten in Kiel ein. Die Kieler mussten ihre Fotoapparate bei der Polizei abgeben, Waffenbesitz wurde bei Todesstrafe verboten. Für Hans Krohn wurde das zu einem sehr gefährlichen Problem. Denn sein Vater war Arzt, der auch deutsche Soldaten unter seinen Patienten hatte. Einige von ihnen durften ihre Seesäcke mit Habseligkeiten im Keller des Arztes unterstellen, bevor sie sich in britische Gefangenschaft begaben. Vorsichtshalber wies der Arzt seinen Sohn an, die Säcke mit einem Skalpell aufzuschlitzen und nach Waffen zu durchsuchen. „Ich hab’ ungefähr ein Dutzend Pistolen gefunden“, so Hans Krohn. Nach und nach steckte er sich die Pistolen in die Hosentasche und fuhr mit dem Rad irgendwo hin, um sie loszuwerden – immer die Angst im Nacken, erwischt zu werden. „Aber es ist nichts weiter passiert“, erzählte Hans Krohn im Kriegszeugen-Projekt.

Für den 8. Mai notierte ein Angestellter des Marinearsenals in sein Tagebuch, dass Düsternbrook voller Soldaten und Wehrmachtshelferinnen sei, die schwer bepackt in ihre Heimat fahren oder wandern wollten. „Viele englische Autos, Kampfwagen und Tanks. Ein Mordsbetrieb in der Stadt. Jeder Engländer trägt eine M.P. unterm Arm. Die Kieler Jungens erleben grosse Tage. Überall sind sie dabei“, heißt es in seinem Bericht. In einer vom Flugzeug über Teilen von Kiel abgeworfenen Fallschirmzeitung des alliierten Oberkommandos lautete die Titelschlagzeile an diesem Tag: „FRIEDEN – DOENITZ KAPITULIERT“. Über Radio gibt auch der Flensburger Rundfunk das offizielle Kriegsende bekannt: die Unterzeichnung der Gesamtkapitulation durch Generaloberst Jodl im französischen Reims. In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai trat der Waffentstillstand überall in Kraft.

Ein Feiertag war dieser 8. Mai in Kiel nicht. Sieger und Besiegte waren schon längst voll damit beschäftigt, sich um Wohnraum, Wasser-, Gas- und Stromversorgung zu kümmern, Seuchen zu verhindern und eine Militärverwaltung aufzubauen. Für den damals 19-jährigen Soldaten John Longfield war es „einfach ein Tag wie jeder andere – in den Straßen wurde nicht getanzt“, berichtete er später. Wer Zeit und ein Radio hatte, hörte sich an diesem Tag die Ansprache von Winston Churchill an: „Today the war in Europe is at an end“ – „heute ist der Krieg in Europa zu Ende.“

Der nationalsozialistische Kieler Oberbürgermeister Walter Behrens wurde am 15. Mai verhaftet und kommissarisch durch den Rechtsanwalt Dr. Max Emcke ersetzt. Für die Kieler begann mit Kriegsende eine Zeit des Mangels und des Hungers, in der der Wiederaufbau ihrer Stadt oder schlicht das Überleben der eigenen Familie die Gedanken der Menschen beherrschte. An eine Aufarbeitung der Kriegsereignisse zu denken, war in dieser Situation sicher nur für sehr wenige Bewohner möglich.

Der Versuch der Briten, die Deutschen zu entnazifizieren, also Nazis zu ermitteln und ihnen den Prozess zu machen, blieb weitgehend erfolglos. Spätestens als in den Jahren nach dem Krieg für den Wiederaufbau dringend Verwaltungsfachleute gebraucht wurden, waren auch viele ehemals nationalsozialistische Beamte plötzlich wieder im Staatsdienst zu finden – auch bei der Polizei und in der Justiz.

Mehr denn je ist es heute Gegenstand von Diskussionen, wie eine angemessene Erinnerung aussehen sollte an das, was im Krieg in Kiel geschehen ist. Jan Köster