Die bewegliche Dampfkräftige

Vor allem für den Einsatz in der Landwirtschaft war die Dampflokomobile des Maschinenmuseums ursprünglich gedacht gewesen. Foto: kst

„Welches Stück in Ihrem Museum ist Ihr persönliches Lieblingsstück und warum?“ – Diese Frage beantworten die Leiterinnen und Leiter von Museen aus dem Verbreitungsgebiet des Kieler Express’ in einer kleinen Artikelserie.

In Folge 1: Peter Horter, Leiter des Maschinenmuseums Kiel-Wik.

Kiel. „Mein Lieblingsstück in diesem Museum? Da musste ich gar nicht lange überlegen – da steht sie“, sagt Peter Horter und zeigt auf etwas, das ein bisschen wie eine Dampfwalze aus sehr alten Filmen aussieht. Aber die stählernen Räder sind zu schmal, und wo hätte der Fahrer überhaupt Platz? „Nein“, sagt Peter Horter, „die Dampflokomobile ist keine selbstfahrende Maschine. Aber sie kann auf Rädern von Einsatzort zu Einsatzort gezogen werden.“ Vor allem für die Landwirtschaft wurden diese Dampfmaschinen eingesetzt. Über einen breiten Treibriemen, der über das Schwungrad oben auf der Dampflokomobile lief, konnte die Maschine andere Maschinen wie Dreschmaschinen antreiben. Als Trecker noch nicht verbreitet waren, trieben diese Maschinen auch Vorrichtungen an, die an Seilzügen Pflüge über Felder zogen. „Mit dieser Maschine fing hier alles an. Sie ist praktisch der Grundstein des Museums“, sagt Peter Horter.

Gebaut wurde diese Maschine 1954 beim Lokomobilen-Hersteller „Buckau R. Wolf / Magdeburg“ – eigentlich für den Export nach Afrika. „Dort sollte sie zum Beispiel in der Dschungelrodung eingesetzt werden und Sägegatter antreiben. Mit den Holzabfällen konnte man den Kessel befeuern“, erklärt Peter Horter. Doch dort kam die Maschine nie an. Stattdessen landete sie wohl gegen Ende der 1950er-Jahre in einer Zweigstelle des Unternehmens in Kiel. Dort wurde sie am Boden verankert und erzeugte Dampf, mit dem andere, neu gebaute Dampfmaschinen getestet wurden. Weil dafür das Schwungrad und die ganze Antriebstechnik unnötig waren, wurde all das abgebaut. In diesem Zustand, als „nackter“ Dampfkessel auf Rädern entdeckten Peter Horter und Frank Stobbe ihre Dampflokomobile Ende der 1970er-Jahre in dem längst stillgelegten Kesselhaus – der Anfang einer Puzzlearbeit, die zwölf Jahre dauern sollte.

In mühseliger detektivischer Kleinarbeit fanden Horter und Stobbe während der Restaurierung mehr und mehr über die Maschine heraus. Es gelang ihnen, einen der letzten Fertigungsmeister der Firma Buckau R. Wolf zu finden. Zufällig hatte genau dieser Meister genau diese Lokomobile mit gebaut. Die fehlenden Teile seien alle verschrottet worden, berichtete er Peter Horter und Frank Stobbe – ein Tiefschlag. Aber dieser Fertigungsmeister hatte noch alle Original-Konstruktionszeichnungen und stellte sie den Kielern zur Verfügung. Als Berufsschullehrer hatte der Maschinenbauingenieur Peter Horter beste Kontakte zur Ausbildungswerkstatt des Kieler Motorenherstellers MAK. Durch seine Beharrlichkeit und ein bisschen Zufall stimmte auch die MAK-Firmenleitung dem Projekt zu, die fehlenden Maschinenteile original nachzubauen. Ein besonderes Problem war das große Schwungrad. Doch Horter und Stobbe fanden im Emsland die Gießerei, in der diese Schwungräder damals für Buckau R. Wolf gegossen wurden. „Die hatten das Holzmodell für dieses Rad tatsächlich noch auf ihrem Modellboden liegen“, sagt Peter Horter.

1993 war die Lokomobile mit vollständigem Motor und dem neu gegossenen Original-Schwungrad endlich komplett wiederhergestellt und voll funktionsfähig. Bei der abschließenden TÜV-Prüfung prüfte der Sachverständige nicht nur die Maschine, sondern auch die Fachkenntnisse von Peter Horter. „Da hat er mir nebenbei immer so Fragen gestellt, das hat er ganz raffiniert gemacht“, erinnert sich Horter. Als Ergebnis gab es die offizielle Wieder-Zulassung für die Maschine und die Bezeichnung „geprüfter Dampfkesselwärter“ für Peter Horter. Inzwischen ist Horter selbst schon seit Jahren Mitglied der Kommission, die angehende Dampfkesselwärter prüft. Rückblickend stellt er fest: „Diese Maschine ist ein Stück meines Lebens. Das muss man einfach so sagen.“ kst

Das Maschinenmuseum Kiel-Wik

Das ehrenamtlich betriebene Museum ist in drei Industriegebäuden des ehemaligen Kieler Gaswerks am Nord-Ostsee-Kanal, direkt gegenüber den Holtenauer Schleusen untergebracht. Das Besondere: Alle alten Maschinen und Geräte sind technisch tiptop in Ordnung und voll einsatzfähig – vom geheimnisvoll blau leuchtenden Quecksilberdampf-Gleichrichter bis zum original U-Boot-Motor aus dem Zweiten Weltkrieg. Der Geruch von Öl und Treibstoff liegt in der Luft, und für Vorführungen setzen die Maschinisten des Museums die historische Technik immer wieder auch in Gang. Träger des Museums ist eine gemeinnützige Stiftung. Neben dem Eintrittsgeld lebt es von Spenden sowie der Unterstützung durch den Freundeskreis Maschinenmuseum und die Stadt Kiel.

Maschinenmuseum Kiel-Wik,

Am Kiel-Kanal 44, Kiel.

Tel. 0431/580309

www.maschinenmuseum-kiel-wik.de