Der unbequeme Gedenk-Ort

Vom Flandernbunker aus wurde das Kriegsgeschehen auf der Ostsee koordiniert. Ganz bewusst sieht er nach wie vor wie eine Ruine aus. Foto: Jan Köster

Bunker waren im Krieg die letzten Zufluchtsorte. Wer sie aufsuchen musste, fürchtete um sein Leben. Die Webseite www.bunker-kiel.de geht davon aus, dass es in Kiel mindestens 126 bombensichere Anlagen gab, ihre Reste sind noch heute zu finden. Einige Bunker werden wieder genutzt, teilweise als Orte zum Feiern, für Hobbys oder als spannende Lernorte. Als vorerst letzten Teil der kleinen, unregelmäßigen Serie stellt der Kieler Express heute den Flandernbunker des Vereins Mahnmal Kilian vor.

Kiel. Der Flandernbunker in der Kieler Wik ist eine Ruine. Allerdings eine mit Fenstern, Toiletten, Beleuchtung, zwei beheizten Büroräumen und einem abgedichteten Dach. Bald gibt es dort sogar einen kleinen Fahrstuhl zwischen den Etagen. Doch all das hat der Verein Mahnmal Kilian, dem der Bunker seit 2001 gehört, möglichst unauffällig einbauen lassen: Die Geschichte des Flandernbunkers sollte in all ihren Facetten sichtbar bleiben – von den Wandbeschriftungen aus der Zeit, in der das Marineoberkommando Ostsee von dort aus das Kriegsgeschehen im gesamten Ostseeraum koordinierte, bis zu den Grafitti, die viel später vermutlich Jugendliche drinnen an die Wände gesprüht haben. 

Seinen Namen bekam der Bunker in Verehrung des Marinekorps Flandern, das unter seinem Admiral Ludwig von Schröder im Ersten Weltkrieg in Flandern kämpfte. Für sein Vorgehen dort wurde von Schröder auch als „Löwe von Flandern“ bezeichnet. Bereits 1927 wurde knapp neben dem späteren Bunker-Bauplatz ein Flandern-Denkmal errichtet, das während des Krieges aber verschwand. 

1943 wurde der Flandernbunker als rein militärische Einrichtung gebaut. Seine 2,5 Meter dicken Wände und die 3,5 Meter dicke Decke sollten bei Bombenangriffen bis zu 750 Soldaten des benachbarten Marinestützpunktes schützen. Auch eine Not-Kommandantur gab es im Bunker, die mit zunehmenden Luftangriffen ab etwa Juni 1944 aber zur dauerhaft genutzten Einsatz-Zentrale für den Ostseeraum wurde. In den späteren Kriegsjahren durften auch Zivilisten im Flandernbunker Schutz suchen. In den letzten Kriegsmonaten koordinierte Generaladmiral Oskar Kummetz vom Flandernbunker aus vor allem die Flüchtlingsschiffe aus Ostpreußen, Westpreußen und Pommern.

Nachdem britische Einsatztruppen die Kontrolle über Kiel übernommen hatten, war auch im Flandernbunker der Krieg endlich vorbei. 

Um den Flandernbunker als Bunker untauglich zu machen, aber die Chance zu lassen, ihn im zerbombten Kiel als dringenst benötigten Wohnraum zu nutzen, wurde er nicht komplett zerstört, sondern nur entfestigt. Dafür sprengten die Briten große Öffnungen in die Wände und die Decke. Genutzt wurde der Bunker danach aber praktisch nicht. Jahrzehntelang stand die Ruine leer, die Entfestigungslöcher waren teilweise zugemauert, trotzdem diente der Bunker Obdachlosen als Wohnraum und war für Jugendliche ein spannender „Lost Place“, der sich zu erkunden lohnte. 

Der Verein Mahnmal Kilian hat ab 2001 mit Spenden, viel ehrenamtlichem Enthusiasmus und bisher wenig öffentlichen Fördermitteln einen Gedenk-Ort aus der Bunker-Ruine gemacht, in dem sich Geschichte ganz unmittelbar erleben lässt. Der rohe, stellenweise bemalte, teilweise aufgebrochene Beton, die Beleuchtung, die nur so viel Licht gibt wie nötig, die Kalkschichten an Wänden und auf Böden, wo jahrzehntelang Regenwasser tropfen konnte, bilden den bedrückend authentischen Rahmen für die Bilder und Texte an den Wänden, die von den Kriegen und ihren Auswirkungen in Kiel berichten. In zwei Räumen liegen entschärfte Blindgänger von amerikanischen Fünf- und Zehn-Zentner-Bomben auf dem Boden, einfach so. 

Eine große Rolle spielt für das Team um den Vereinsvorsitzenden Dr. Jens Rönnau auch die Kunst. Die Werke ganz unterschiedlicher Künstler sind an vielen Stellen im Bunker zu finden, wechselnde Kunstausstellungen nutzen den besonderen Raum, um die Themen Krieg und Vertreibung nicht nur im geschichtlichen Zusammenhang zu thematisieren. Und längst spielen auch Themen wie aktuelle Flüchtlingsprobleme, Ausgrenzung sowie die Überwindung von Grenzen und Unterschieden ihre Rollen im Kulturprogramm des Flandernbunkers. Ausstellungen wie „War mein Opa Nazi?“ provozieren – ganz im Sinne von Jens Rönnau: „Unbequeme Dinge gehören auf den Tisch. Man muss sogar danach suchen“, sagt der Kunsthistoriker, der für seine unermüdlich scheinende Arbeit mit dem Verein Mahnmal Kilian inzwischen die Andreas-Gayk-Medaille der Stadt Kiel und das Bundesverdienstkreuz erhalten hat.

Dass alles im Flandernbunker so viel roher und irgendwie provisorischer wirkt als in anderen Gedenkstätten oder Museen, findet Jens Rönnau genau richtig, weil es zum Fragen anregt und die Distanz zwischen Besuchern, Betreibern und Künstlern verringert. „Die Leute trauen sich, mit Anregungen auf uns zuzukommen“, sagt er. Am Ende so mancher Lesung oder Konzertveranstaltung hätten sich spontan schon Diskussionen zu ganz unterschiedlichen Themen zwischen den Besuchern entwickelt.

Das Kriegsgebäude Flandernbunker möchte Jens Rönnau weiter zu einem „Haus des Friedens“ ausbauen. Ein weiteres großes Ziel schwebt ihm für das in der Nähe des Flandernbunkers liegende ehemalige Marine-Untersuchungsgefängnis vor: In dem Unrechtsort aus NS-Zeit würde er am liebsten ein „Haus der Demokratie“ entstehen lassen. Jan Köster

Der Flandernbunker ist jeweils Mo-Fr von 11 bis 15 Uhr und So von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Weitere Infos zu Führungen, Veranstaltungen und Workshops für Schulklassen unter www.mahnmalkilian.de