Der Krieg in Kiel

Holstenbrücke, Ecke Willestraße. Einschlag einer Sprengbombe. Erhebliche Glas- und Dachschäden, insbesondere in der Holstenbrücke. Der zerstörte Kandelaber war zu dieser Zeit fast noch eine Attraktion, die sich die Leute ansahen. Foto: Stadtarchiv Kiel

Teil 1 In diesem Jahr jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. In dieser und den beiden folgenden Ausgaben erinnert der Kieler Express an den Krieg und sein Ende in Kiel.

Kiel. Als in den Kieler Schulen gegen Ende der 1930er-Jahre Luftschutzübungen abgehalten wurden, waren sie für viele der beteiligten Jugendlichen eher eine spaßige Abwechslung vom normalen Unterricht. Und selbst als Anfang Juli 1940 die ersten Bomben auf Kiel fielen und die ersten Menschen in der Stadt dadurch starben, war das für viele noch unwirklich. „Dass mich das mal betreffen würde, konnte ich mir gar nicht vorstellen“ sagt eine Zeitzeugin im Dokumentarfilm „Kiel im Bombenkrieg“ des Kieler Filmemachers Kay Gerdes.

Die ersten sehr schweren Angriffe erlebten die Kieler in den Nächten zwischen dem 7. und 9. April 1941. Der Alarmposten Detlef Boelck berichtete dazu: „Über 200 Tote; Versorgung von Licht, Gas und Wasser abgebrochen, (Wasserwagen) 650 Gebäude vernichtet, 850 beschädigt, darunter 30 Schulen, ‚Panikstimmung‘ in der Bevölkerung, Evakuierung von 8000 Personen, außerdem flüchten Tausende.“

Bis Großadmiral Dönitz am 3. Mai 1945 befahl, dass Kiel nicht mehr verteidigt werden sollte und damit die Bombardierungen beendete, mussten die Kieler insgesamt 633 Mal in Hochbunkern, Tiefbunkern, Stollen, Luftschutzkellern und Gräben Schutz suchen. Vollständig angezogen und mit dem Not-Koffer in Griffweite ins Bett zu gehen, war irgendwann üblich. 

Abenteuer-Erziehungs-Urlaub von den Bomben

Schon 1940 hatte Adolf Hitler angeordnet, die Kinder aus besonders luftgefährdeten Städten in ländlichere Reichsgebiete in Sicherheit zu bringen. Millionenfach wurden bis Kriegsende Kinder und Jugendliche bei so genannten „erweiterten Kinderlandverschickungen“ aus deutschen Städten zeitweise in Sicherheit gebracht. Kinder unter zehn Jahre sollten möglichst zu Pflegeeltern vermittelt werden, Kinder über zehn Jahre möglichst im Klassenverband verschickt werden. Mehrere Wochen bis mehrere Monate waren die Kinder dabei von ihren Familien getrennt. Ab Mai 1941 wurden die Kieler Kinder zwischen zehn und 14 Jahren klassenweise in Sicherheit gebracht: auf Usedom oder Rügen, in der Gegend von Danzig, in Thüringen, in der Umgebung von Prag und Pilsen, im Südharz, in Bayern und in Österreich, in der zweiten Kriegshälfte aber auch ganz in der Nähe: in Grömitz, Timmendorfer Strand und auf Föhr. Für die Nationalsozialisten waren die vor Ort von der Hitlerjugend organisierten Aufenthalte auch Teil ihres Erziehungskonzepts: Mit Unterricht und paramilitärischen Geländespielen sollten die Heranwachsenden unbeeinflusst durch ihre Eltern im Sinne der Nazi-Ideologie erzogen werden – allerdings geschickt verpackt. Offenbar erlebten viele Teilnehmer ihre Kinderlandverschickung durchaus als angenehme Zeit, die sie auch nach dem Krieg in guter Erinnerung behielten.

Während deutsche Kinder vor englischen und amerikanischen Bomben in Sicherheit gebracht wurden, schickte Großbritannien schon 1939 aus Angst vor deutschen Bomben ebenfalls rund 1,5 Millionen Kinder aus den Städten aufs Land.

Insgesamt warfen britische und amerikanische Bomber bei rund 90 Angriffen nahezu 50.000 Sprengbomben, fast 1000 Luftminen und rund eine halbe Million Brandbomben auf Kiel. Die Sprengbomben zerstörten durch ihre Druckwelle und die Splitter ihrer dickwandigen Metallhülle. Die dünnwandigen, aber tonnenschweren Luftminen drückten mit ihrer gewaltigen Druckwelle im großen Umkreis Wände ein und deckten Dächer ab. Wurden anschließend Brandbomben abgeworfen, fielen sie direkt in die abgedeckten Häuser hinein. Im Sommer 1944 gab es mehrere Angriffe auf Kiel, die von mehr als 1000 Bombern gleichzeitig geflogen wurden.

Die letzten Bomben des Krieges fielen in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 1945 auf Kiel. In dieser Nacht wurde auch das Rathaus noch von Brandbomben getroffen.

Für Juden gab es keinen Platz im Bunker

Nicht alle Kieler fanden während der Bombenangriffe Schutz in einem der Bunker: Wer zum Beispiel von der Nazi-Bürokratie als Jude identifiziert worden war, musste draußen bleiben. Denn auch in Kiel wurden Juden systematisch aus der Gesellschaft gedrängt, deportiert und ermordet. 1933 hatte die jüdische Gemeinde in Kiel noch 522 Mitglieder. Viele verließen Kiel schon vor Kriegsbeginn und zogen um in andere Orte, wo sie meist aber ebenfalls Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung wurden. In Kiel gab es 1939 noch 227 Juden. Allein am 4. Dezember 1941 mussten 41 von ihnen ihren Wohnungsschlüssel bei der Polizei abgeben und sich im Kieler Rathaus melden. Im dortigen Luftschutzkeller blieben sie zwei Tage, bevor sie zur Vernichtung per Zug in den Osten transportiert wurden. 

Andere Kieler Juden mussten ihr Hab und Gut den Nazis übergeben und in die sehr beengten Verhältnisse der „Judenhäuser“ umziehen. Zwei dieser Häuser standen im Kleinen Kuhberg 25 und im Feuergang 2 im damaligen Gängeviertel. Das Viertel und die Häuser existieren nicht mehr – heute sind dort die Sparkassen-Arena und ihr Vorplatz. Im Dezember 1941 und danach wurden auch viele Bewohner der Kieler „Judenhäuser“ zur Zwangsarbeit und Ermordung in Richtung Osten deportiert. In Kiel erlebten nur 35 Personen, die nach den Kriterien der Nazi-Büroktarie als Juden eingestuft waren, das Ende des Krieges.

Erst 2004 gründete sich erneut eine jüdische Gemeinde in Kiel. Sie hat heute rund 220 Mitglieder.

Von den über Kiel abgeworfenen Bomben waren viele Tausend Blindgänger. Jedes Jahr werden bei Bauarbeiten noch etwa vier oder fünf gefunden und entschärft, und das wird nach Einschätzung des Kampfmittelräumdienstes Schleswig-Holstein noch für Jahrzehnte so bleiben.